«Der Orgasmus ist nicht das Ziel»

Sieben Liebhaber, sieben Taschenmuschis und eine Expertin, die erklärt, wie Mann Frau verwöhnt.

Bern, ein Abend unter der Woche, in einem Erotikladen stecken sieben Männer gleichzeitig ihre Finger in hautfarbene Taschenmuschis.

«Viel zu eng», sagt einer der Männer. Das filigrane Brillengestell balanciert auf seiner Nasenspitze. «Viel zu eng» – dann geht er sachte tiefer. Die falsche Vagina in dem der Brillenmann steckt, soll der eines Pornosternchens nachempfunden sein. Jedenfalls glaubt das die einzig Frau im Raum, die aus Fleisch und Blut ist: «Jaja, die Hersteller übertreibens geng ein bisschen.»

Die Frau – also die echte – heisst Katrin Dällenbach, sie schaut manchmal streng und grinst dann. Dällenbach redet nicht von Vagina, Pussy oder Muschi, sondern von «der Yoni». Einem Ausdruck aus dem Tantrischen. Auf der Plastik-Yoni vor sich weist sie den Männern den Weg, als hantiere sie mit einer Landkarte. Sie fährt mit der Fingerspitze über künstliche Schamlippen und Klitoris. Kreist. Zeigt. Sagt dabei Dinge wie: «Hee, du machst das toll!» Oder: «Alle haben ihr Standardprogramm – vergesst es für den Moment.»

Die Männer sollen den G-Punkt finden (Dällenbach: «Klar gibt’s den!»). Einfach die gerippte Fläche sachte penetrieren (Brillenmann: «Viel zu gross!»). Und so schmatzen Finger in Löchern, glänzt Gleitmittel auf Gummi, während sieben Männer der Frage nachgehen: Wie befriedigt Mann Frau.

Groschenpornos

Die sieben Männer sind Teilnehmer eines Workshops in einem Laden in der Berner Altstadt. Im Planet Love, Katrin Dällenbachs Erotikshop. Es ist ein übersichtlicher, blitzsauberer Ort. Parkett am Boden, Brüste in schwarz-weiss an den Wänden. Die Kasse knattert noch analog. Dällenbach ist in Bern so etwas wie eine Pionierin. 21 Jahre ist es her, da tat sie zwei für die damalige Zeit ungewöhnliche Dinge: Sie eröffnete erstens den Liebesplaneten und richtete ihn zweitens auf weibliche Kundschaft aus. Ungewöhnlich deshalb, weil Sexshops damals noch Männersache, die Angebote an harte, geile Typen gerichtet waren. Es war die Zeit des Groschenpornos.

Vom Schmuddel jener Tage ist bei Dällenbach nichts übrig. Stattdessen: Ratgeber und Gleitcreme in den Regalen. Dessous, etwas Leder an den Stangen – elegant, nichts Übertriebenes. In den Vitrinen stehen marineblaue Dildos, baumeln karmesinrote Vibratoren. Und es gibt Paprikachips.



Seit einem Jahr bietet Katrin Dällenbach die «Handwork Lounge» an, Workshops für Frauen, die lernen wollen, wie sie bei ihrem Partner richtig Hand anlegen. Geübt wird an Dildos. Rund 30 Mal hat sie den Handwerk-Kurs durchgeführt. Er ist regelmässig ausgebucht. Der Intimmassagekurs, den die sieben Männer an diesem Abend unter der Woche besuchen, ist der erste seiner Art. 60 Franken kostet die Anleitung zur weiblichen Lust. Dass sie einmal einen Kurs für Männer anbieten könnte, erschien ihr erst abwegig. «Männer trauen sich nicht», sagt Dällenbach denn auch an diesem Abend, als sie die Teilnehmer begrüsst. «Und jetzt seid ihr hier, und ich habe mega Freude.»

Da ist eine zusammengewürfelte Truppe. Der Pensionär mit den freundlichen Augen und der operierten Prostata. Der junge Typ um die Dreissig, der schon viele Bücher zum Thema gelesen hat. Oder der Frischgeschiedene, der erst kürzlich herausgefunden hat, dass Sex nicht nur Belohnung sein kann. Keiner kennt den anderen und doch reden sie offen über Sex, erzählen von Lust und Yonis.

Dann stehen sie Schulter an Schulter vor den Silikon-Yonis.



Tsunami

Als Dällenbach vor 21 Jahren den Planeten eröffnete, war sie eine der ersten, heute ist sie eine unter vielen. Die Perzeption «Men only» hat sich grundlegend gewandelt. Selbst die Migros führt heute den «Jam» in ihrem Sortiment, einen pinkfarbenen Vibrator – für knapp 20 Franken ist Frau dabei. Der Dildo ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

Auch deshalb hat Dällenbach ihr Angebot umgestellt, für diesen Abend, gar auf Männer ausgeweitet. Denn: «Ja, das Geschäft ist schwieriger geworden.»
Hauptgrund für den schleppenden Verkauf ist jedoch nicht die Migros, sondern das Internet. Anbieter für Sexspielzeug gibt es unzählige. Bücher, Comics und Ratgeber shoppt man heute auf Amazon. Dällenbach: «Und der Markt für Filme ist sowieso tot.»

Die Expertin

Katrin Dällenbach leistete vor 21 Jahren Pionierarbeit.

Die Dildos

Das Angebot im Liebesplaneten richtet sich primär an Frauen.

Der Kurs für den Mann

Für die Gummi-Vaginen stand ein Pornosternchen Modell - wirklich lebensecht sind sie trotzdem nicht. Für den Kurs genügen sie aber.

Vor 21 Jahren war die Internetpornografie, waren Pornhub und dergleichen erst ein fernes Grollen, die Schaumkrone einer Welle, weit weg. Einer Welle, die sich dann allerdings unaufhaltsam ihren Weg in die Schlafzimmer und auf die Smartphones der Menschen bahnte. Heute geht man davon aus, dass rund ein Drittel des gesamten Datenverkehrs im Netz für Pornos draufgeht. Ein Drittel.

Katrin Dällenbach hat es mit übermächtigen Gegnern zu tun. Sie kämpft gar nicht erst dagegen an, hat stattdessen ihr Geschäftsmodell umgestellt und sich zur Sexualtherapeutin ausbilden lassen. «Wenn das Netz etwas noch nicht kann, dann ist es persönlicher Kontakt», sagt sie.
Intensive Beratung gehört seit jeher dazu im Liebesplaneten («Ich verkaufe keiner Frau einen Dildo, ohne vorher mit ihr zu sprechen.»), zusätzlich bietet Dällenbach nun Therapiesitzungen an. Vor einem Jahr kamen die Kurse dazu.

Zurück im Liebesplaneten. Katrin Dällenbach spricht seit zwei Stunden über die weibliche Lust. Und demonstriert Handgriffe an der Yoni.

Die Muschel: «Die Handfläche auf dem Schambereich ruhen lassen, einfach ruhen lassen.»

Die Tour de France: «Mit der Fingerkuppe die äusseren Schamlippen entlangfahren, lange, ab und an die Richtung wechseln.»

Die Tour de Suisse: «Gleich wie auf der grossen Tour, nur gehts diesmal um die Klitoris. Richtungswechsel nicht vergessen!»

Orgasmus

Die sieben Teilnehmer sind keine Anfänger, sie waren mit ihren Fingern schon in echten Yonis. Die meisten kennen die gerippte Fläche. Sie sind nicht die harten, geilen Typen, sondern hier um Ideen zu sammeln und sich auszutauschen:

Der Pensionär: «Sie mag es, wenn ich ihr dabei zuschaue – wir haben uns extra dafür einen Dildo gekauft.»

Der junge Mann: «Pornos überzeichnen. Ich will echte Leidenschaft.»

Der Brillenmann: «Ich finde es toll, echt, wie offen alle sind.»

Gleitmittel geht durch die Runde. Augen fixieren Plastik. Schmatzen. Finger dringen ein, Finger gleiten raus.

Und irgendwann sagt Katrin Dällenbach: «Denkt dran Männer, der Orgasmus ist nicht das Ziel.»

«Die Frau zeigts euch schon, wann sie so weit ist.»

«Langsam, langsaaaam.»







Fotos: Beat Mathys/Cedric Fröhlich
Text und Umsetzung: Cedric Fröhlich

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