Von Frauenhysterie und den nötigen Kämpfen

An einem Nachmittag haben wir neun bekannte Bernerinnen zum Gespräch eingeladen.

Die ersten Gäste Louise Schneider, Nadine Borter, Flavia Wasserfallen und Meral Kureyshi sind schnell beim Du – und sich meist einig. Bis Sandra Schneider alles aufmischt.

Wir bilden hier eine reine Frauenrunde. Ist es denn anders, wenn Frauen unter sich sind?

Louise Schneider: Ja. Ich muss aber meine Generation davon ausnehmen. Da mochten mich die Frauen nicht, weil ich ganz anders lebte als sie. Ich machte mit 35 nochmals eine Ausbildung. Da fragten sie meine Kinder auf der Strasse, wer denn für sie koche.

Meral Kureyshi: Ich sitze oft mit Frauen zusammen am Tisch, und wir sprechen über unsere Anliegen. In der Literaturszene haben die eher älteren Männer das Gefühl, dass sie Literatur machen und wir ihnen Wasser oder Kaffee holen sollen. Das habe ich wortwörtlich schon so zu hören gekriegt.

(betretenes Schweigen)

Kureyshi: Genau. Das muss man ändern. Deshalb bin ich in einer Literaturgruppe für Frauen, in der wir uns zweimal im Monat treffen und besprechen, was man tun kann.

Was ist eine Feministin?


Ist die Literaturszene eine besonders sexistische Szene?

Kureyshi: Ich weiss nicht, ob besonders sexistisch. Aber männlich. Wenn ich selbst überlege, wen ich lese oder wer meine Lieblingsautorinnen und -autoren sind, sind die Männer stark vertreten. All das, was man in der Schule, am Gymnasium, an der Uni zu lesen bekommen hat.

Flavia Wasserfallen: Ich stelle mir vor, dass es in der Musikszene ähnlich läuft. Es gibt immer wieder Festivals, die praktisch keine weiblichen Gigs im Programm haben. Viel läuft darüber, ob ich Auftritte habe, wie die Jurys mich bewerten, ob ich mal zu einem Preis komme. Und oft sind die Jurys rein männlich. Das ist dann ein System, das sich nie ändert. Männer kennen wieder Männer, laden Männer ein und geben ihnen Preise.

Nadine Borter: Man hat jahrhundertelang männerdominiert geschrieben und gedacht. Das zeigt sich etwa bei der Rollenverteilung in Disneyfilmen. Solche ­stereotype Sachen sind ganz fest in der Gesellschaft verwurzelt, weil sie immer so transportiert wurden.

Wasserfallen: Auch in Kinderbüchern ist viel noch im klassischen Sinn gehalten. «Papa Moll» ist am schlimmsten: Die Frau in der Schürze bringt dem Mann im Sessel den Kaffee, und er beklagt sich noch, weil er nicht schmeckt.

Borter: Es ändert sich aber. «Die Eiskönigin» zum Beispiel war ein Welthit. Und es war einer der ersten Filme in dieser Grösse, in denen es nicht darum ging, den Prinzen zu finden. Sondern um die Liebe zu sich selbst und zur Schwester. Ich habe ja auch kleine Kinder, und solche Sachen nehmen sie unterbewusst in ihr weiteres Leben mit. Diese Geste: Ich stehe zu mir.

Louise Schneider (88)


Etwas zu früh trifft Louise ­Schneider in der Bar Bett im Berner Breitenrain ein. Sie habe nicht mehr viel los und sei froh, wenn etwas laufe. Sie ist verwitwet, Mutter, Grossmutter und Urgrossmutter. Sie ist aktiv in der Friedensbewegung und sorgte als «Sprayer­grosi» für Aufsehen.

Nadine Borter (44)


Auch Nadine Borter kommt zu früh zum Gespräch. Sie ist Stiftungsratspräsidentin von Konzert Theater Bern und ­Inhaberin der Werbeagentur Contexta. Borter hat zwei Kinder (3 und 7).

Flavia Wasserfallen (40)


Pünktlich trifft Flavia Wasserfallen ein. Die studierte Politologin ist ein bekanntes Gesicht der SP und sitzt im Nationalrat. Sie hat drei Kinder (10, 7, 2). Während der Gesprächsrunde macht sie ein Selfie mit allen Teilnehmerinnen für Twitter.

Meral Kureyshi (36)


Ein Buch hat die Berner Autorin Meral Kureyshi bisher publiziert – aber mit Elefanten im Garten gleich Preise abgeräumt. Ihr zweiter Roman soll bis Ende Jahr erscheinen. ­Kureyshi kam als 9-Jährige mit ihrer Familie in die Schweiz, sie wurde in Prizren (heute Kosovo) geboren.

Sind denn Frauen unter sich immer offen?

Borter: Ich glaube nicht, dass Offenheit mit dem Mann- oder dem Frausein zu tun hat. Es hat mit einem persönlich zu tun, wie verletzlich man ist.

Kureyshi: Ich glaube, Offenheit hat durchaus mit Mann- oder Frausein zu tun. Und sie wird anerzogen.

Borter: In einem geschäftlichen Umfeld bin ich nicht anders, ob ich unter Frauen oder Männern bin. Ich muss nicht tougher sein mit Männern. Aber die Dynamiken und die Kultur sind ganz anders.

Kureyshi: Ich begegne einem Mann automatisch anders als einer Frau, und das hat wohl mit meiner Sexualität zu tun. Das kann ich nicht abstellen – weder im privaten noch im geschäftlichen Umfeld. Der Respekt voreinander, der Umgang miteinander, auf einer Augenhöhe miteinander diskutieren, das sollte sich ändern.

Borter: Es dauert lange, bis sich solche Dinge verändern. Wir müssen nicht nur sprechen, sondern konkret werden. Wir müssen schauen, wie wir Frauen ermöglichen können, Chancen zu erhalten. Wenn ich ein Stellen­inserat so schreibe, dass es bewusst Frauen anspricht, wäre das etwas Konkretes, das hilft. Da beginnt die Gleichstellung.

Sandra Schneider kommt herein. Die 27-jährige Bielerin wird die Runde aufmischen.




Sandra Schneider, wie sehen Sie das mit der Gleichstellung?

Sandra Schneider: Ich habe wahrscheinlich eine komplett andere Haltung als alle hier. Ich denke, eine Frau, die etwas erreichen möchte, wird das auch erreichen. Im Moment ist eine zu grosse Hysterie da. Die Diskussion verläuft nicht sachbezogen, sondern zu emotional.

Kureyshi (dreht sich leicht ab): Ich bin ein bisschen allergisch auf das Wort Hysterie. Ich habe das Gefühl, es ist noch immer das Problem, dass sich die Frauen nicht getrauen, hinzustehen, eine Meinung zu haben, etwas zu fordern.

Wasserfallen: Höheren Lohn zum Beispiel.

Kureyshi: Genau. Natürlich machen das immer mehr Frauen. Und doch sind wir hier in Mitteleuropa ein ganz kleiner Kreis, wo sich ein bisschen was verändert. Wenn man es global betrachtet, ist das nichts. Und deshalb stimmt die Aussage nicht, dass eine Frau, die etwas erreichen will, das auch erreichen kann. Das ist absurd. Es gibt tausend Hürden mehr für eine Frau, etwas zu erreichen, als für einen Mann.

Sandra Schneider: Es ist mehr eine Generationenfrage. Früher mussten Frauen sicher Sachen erkämpfen. Zum Beispiel das Frauenstimmrecht. Aber heute haben meine Kolleginnen und ich nie einen Nachteil gegenüber einem Mann. Wir können die genau gleichen Ausbildungen machen, wir können Männerberufe ausüben. Sehr viele Frauen lernen einen Bauberuf, viele Männer entscheiden sich für einen weiblicheren Beruf.

Kureyshi: Was ist denn ein weiblicherer Beruf?

Sandra Schneider: Zum Beispiel Krankenpfleger.

Kureyshi: Eben, das ist doch falsch! Das ist doch kein weiblicher Beruf. Er wurde zu einem weiblichen Beruf.

(Sie reden aufgeregt durcheinander, Gelächter ist zu hören)

Sandra Schneider: Aber heute ist es nicht mehr seltsam, wenn ein Mann Kindergärtner ist. Es ist nicht mehr seltsam, wenn eine Frau Malerin ist.

Wasserfallen: Bei der Berufswahl das wählen zu können, was man will, ist das eine. Aber es gibt noch andere Themen, wie sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz. 30 Prozent Frauen und 10 Prozent Männer haben das schon erlebt. Auch von häuslicher Gewalt oder Gewalt im öffentlichen Raum sind Frauen massiv stärker betroffen. Wenn man dann einfach so kommt und sagt, alles ist gut, wir brauchen kein Gleichstellungsbüro mehr…

Sandra Schneider: …kein kantonales!

Wasserfallen: …da bekomme ich wirklich Vögel! Das hat auch nichts mit Generationen zu tun. Das Thema betrifft alle. Bei den ganz jungen Frauen ist es der Sexismus. Bei Frauen wie mir sind es Fragen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Bei älteren Frauen geht es um die Pflege der Angehörigen. Überall treffen wir auf Probleme, die politische Antworten brauchen. Da dürfen wir nicht einfach sagen, alles ist gut.

Sandra Schneider: Es ist aber auch nicht alles schlecht. Du hast vorhin die sexuelle Gewalt angesprochen. Egal, wie gleichgestellt Frauen und Männer sind, wahrscheinlich wird sich das nicht gross ändern. Eigentlich müssen die Männer mittlerweile aufpassen, dass sie nicht benachteiligt werden in dieser ganzen Frauenhysterie. Immer dreht sich alles darum, dass Frauen benachteiligt und weniger wert seien als Männer. Wenn der Mann nun zum Beispiel die Kinder betreut, steht er vor den genau gleichen Herausforderungen wie eine Frau.

Kureyshi: Aber welcher Mann übernimmt die Kinderbetreuung? Das ist schon nur schwierig, weil wir in der Schweiz keine Elternzeit haben. Der Mann hat gerade mal einen Tag frei, wenn er Vater wird.

Sandra Schneider: In meinem Umfeld gibt es viele Männer, die ihre Kinder betreuen.

Wasserfallen: Generell braucht es eine fairere Aufteilung zwischen Erwerbs- und Betreuungsarbeit. Wenn ein Mann diese Arbeiten zu 100 Prozent übernimmt und dafür kein Einkommen hat, ist er finanziell abhängig und hat später eine schlechtere Rente.

Sandra Schneider: Wenn dieser Mann vor denselben Herausforderungen steht wie eine Frau, ist es aber eher ein Systemproblem, nicht ein Geschlechterproblem.

Wasserfallen: Die Rahmenbedingungen sind aber so, dass viele Frauen benachteiligt werden. Und im Übrigen ist erwiesen, dass je gleichgestellter eine Gesellschaft ist, desto weniger verbreitet ist sexualisierte Gewalt gegen Frauen.

Kureyshi: Es ist auch persönlich erfahrbar, wenn man sich am Abend im Berner Breitenrain in einem Röckli bewegt oder ob man dasselbe in Kairo macht.

Sandra Schneider: Das ist dann ein anderes Problem.

Kureyshi: Nein, es ist nicht ein anderes Problem. Die Gewalt geht hier zurück, weil wir immer gleichberechtigter werden. Übrigens, Sandra, ich finde es grossartig, dass du da bist und dass du deine Meinung vertrittst. Du hast nicht unrecht: Natürlich ist es hier besser, natürlich bleiben die Männer hier auch bei den Kindern, und natürlich haben die Frauen die Möglichkeit, Schreinerinnen zu werden. Aber es gibt eben auch vieles, was noch zu wenig gut funktioniert.

Sandra Schneider, Sie haben vorhin gesagt, in Ihrem Umfeld schauen viele Männer zu den Kindern.

Sandra Schneider: Es ist vor allem so, dass sie eine gute Lösung gefunden haben, um sich das aufzuteilen. Es braucht natürlich Arbeitgeber, die flexibel sind. Aber heutzutage ist es weniger ein Problem, wenn ein Mann sein Arbeitspensum reduzieren möchte.

Kureyshi: Es kommt auf die Branche an. Gerade bei Männern, die in einer guten Position sind, ist das oft nicht möglich. Ein guter Freund von mir ist Anwalt, und sie sagten ihm: Es kommt nicht infrage, dass du 80 oder 90 Prozent arbeitest. Dieses Jobsharing wird in gewissen Bereichen einfach nicht ermöglicht.

Sandra Schneider: Aber je mehr man den Fokus auf die Frau legt, umso mehr geht unter, dass ein Mann auch mehr Flexibilität in seiner Arbeit haben sollte.

Frau Kureyshi, Sie sagen, Frauen und Männer werden in der Arbeitswelt in Rollen gedrängt.

Kureyshi: Ja. Einen klaren Nachteil haben zum Beispiel Frauen im Alter zwischen 25 und 40. Jede Freundin von mir, die an ein Vorstellungsgespräch geht, wird gefragt, ob sie vorhat, in nächster Zeit schwanger zu werden.

Wasserfallen: Das ist illegal.

Wie reagieren sie dann?

Kureyshi: Wir alle wissen, dass diese Frage nicht erlaubt ist. Doch sie wird gestellt. Und wenn man nicht antwortet, was dann?

Sandra Schneider: Die Frau wird diesen Job auch erhalten, wenn sie eine ehrliche oder keine Antwort gibt. Sie bringt ja andere Qualitäten mit.

Kureyshi: Wenn du sagst, dass du in den nächsten zwei bis drei Jahren Kinder haben willst, nehmen sie jemand anders. Jemand Jüngeres, jemand, der keine Kinder haben will. Oder einen Mann.

Borter: Ich versuche, viele junge Frauen bewusst zu motivieren. Oft möchten sie vor der Schwangerschaft Karriere machen und suchen gleichzeitig einen Ernährer. Ich sage das jetzt ein bisschen hart.

Wasserfallen: Rund 5 Prozent aller Paare teilen sich die Betreuung und das Einkommen zu gleichen Teilen auf. Aber woran liegt das? Verdient der Mann mehr und arbeitet deshalb mehr, während die Frau reduziert? Können sie sich die Krippe nicht leisten? Ist der Kita-Platz zu teuer?

Evi Allemann setzt sich dazu. Die SP-Regierungsrätin hat gar keine Zeit für diese Runde. Zuerst ist sie an einer Sitzung, kurz später muss sie die nächste eröffnen. ­Dazwischen eilt sie schnell in den Berner Breitenrain – weil sie unbedingt mit dabei sein will. Es wird ein Kurzauftritt für die Mutter von zwei Kindern (8 und 3,5).

Muss eine Frau mehr kämpfen, um weiterzukommen?

Evi Allemann: Wir alle sind nicht ohne zu kämpfen und ohne Leistung dahin gekommen, wo wir nun stehen. Und es gibt ganz viele, nicht nur Frauen, welche die Energie nicht haben, diesen Kampf zu führen. Es braucht viel Selbstbewusstsein, Energie und einen starken Rücken – als Frau vielleicht noch einen stärkeren. Deshalb kann ich mich jetzt nicht einfach zurücklehnen und sagen: Kämpft ihr doch für euch selbst. Ich habe in dieser Position auch eine Verantwortung – zu schauen, dass die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so sind, dass alle das schaffen können.

Feminismus 2019 bedeutet...


Sandra Schneider, haben Sie bislang nie kämpfen müssen?

Sandra Schneider: Ich musste schon ein bisschen kämpfen. Das KV ist ein Haifischbecken, es gibt so viele Konkurrenten, ob weiblich oder männlich. Aber ich habe immer das erhalten, was ich wollte, weil ich auch immer klar sagte, was ich zum Leben brauche. Ich habe noch nie ein Nein bekommen. Vielleicht sagte man mir mal, diese Forderungen seien ein bisschen zu hoch, da müssten wir ein bisschen verhandeln.

Können das Frauen gleich gut wie Männer?

Sandra Schneider: Das wird einem in der Schule ja beigebracht. Auch den Frauen. Dass man sich zeigen muss, dass man die Ellenbogen einsetzen muss.

Kureyshi: Kann man das nicht lösen, indem man zum Beispiel Lohngleichheit fordert? Wird das den kleinen Mädchen genau gleich bei­gebracht wie den kleinen Buben?

Sandra Schneider: Ich finde schon. Bislang habe ich nie festgestellt, dass ein Mädchen weniger Möglichkeiten hat als ein Junge. Vielleicht muss man nicht immer auf den Lohn gehen, sondern sich selbst hervorheben und sich verkaufen. Politisch ist es auch spannend. Bei der SVP sind sehr viele Männer. Als ich im Bieler Stadtrat begann, war ich die einzige Frau in unserer Fraktion. Das war anfangs vielleicht schon ein bisschen härter, weil der Umgang anders ist. Aber heute leite ich diese Fraktion. Es ist ein Erkämpfen, ja. Aber ein Mann macht das genau gleich.

Borter: Ich finde das Wesen der Frau schön, aber auch das des Mannes. Wir haben einen ganz anderen Blickwinkel auf vieles. Das ist ja der Zwiespalt: Man muss als Frau etwas bewegen, ohne sein Wesen zu verleugnen. Ich finde es schön, dass die Frau auch Unsicherheiten sowie andere Taktiken und Strategien hat. Das befruchtet gegenseitig.



Kaum ist Beatrice Simon in der Bar Bett eingetroffen, verschwestert sie sich mit Louise Schneider. Die BDP-Regierungsrätin kommt und siegt. Irgendwann nimmt Simon eine kleine Digitalkamera hervor und fragt flüsternd, ob jemand ein Bild machen könne. Simon hat zwei erwachsene Töchter und wird bald Grossmutter.

Beatrice Simon: Ah, das ist jetzt das «Sprayergrosi».

Louise Schneider: Ich will kein Wort mehr hören von Grosi, ich bin ein ausgewachsener Mensch.

Simon: Habe ich dich beleidigt? Das wollte ich nicht. Mein Grosi war für mich das Wichtigste.

Louise Schneider: Ich mag einfach die Verkleinerungen nicht. Vreneli, Louiseli, das hatte man ­früher.

Simon: Wenn mir als Kind jemand «Beatrice» sagte, wusste ich, jetzt habe ich etwas ausgefressen.

Frau Simon, streiken Sie?

Simon: Wir drei Regierungsrätinnen haben abgemacht, dass wir auf den Bundesplatz gehen.

Louise Schneider: Bist du Politikerin?

Simon: Ich war Gemeindepräsidentin, und jetzt bin ich Finanzdirektorin des Kantons Bern.

Louise Schneider: Ach, du bist die! Du siehst von nahem anders aus als in der Zeitung.

(alle lachen)

Simon: Im Kanton haben wir keine grosse Diskrepanz, was Lohnfragen angeht. Aber ich weiss natürlich, dass das in der Privatwirtschaft und auch weltweit anders ist. Darum mache ich als bürgerliche Frau beim Streik mit. Es geht um Solidarität.

Den Frauenstreik braucht es, weil...


Sandra Schneider, gehen Sie an den Streik?

Sandra Schneider: Nein, ich muss arbeiten.

(alle lachen)

Simon: Ich gehe natürlich auch erst um fünf.

Sandra Schneider: Ich werde nicht am Frauenstreik teilnehmen, weil ich finde, dass es ihn nicht braucht.

Und was ist mit der Solidarität?

Sandra Schneider: In der Schweiz haben Frauen alle Chancen.

Anders gefragt: Stehen Frauen einander im Weg?

Simon: Das würde ich sofort bejahen. Ich hatte ein Erlebnis, als ich jung war, da dachte ich: Ciao, Frauensolidarität! Ich war damals noch bei der SVP, Gemeinderätin. Eine Frau der Grünen sagte mir: Wenn die SVP dich nicht fürs Gemeindepräsidium aufstellt, dann machen wir Frauen das. Doch dann kandidierte sie selbst, und ich vernahm das aus den Medien. Das hat mich verletzt.

Sandra Schneider: Solidarität ist ja eher ein Gemeinschaftsgefühl, das man hat. Beim Arbeiten zum Beispiel sind gemischte Teams die besten Teams.

Louise Schneider: Es geht ja nicht darum, Männer über den Haufen zu werfen.

Simon: Aber die Frauensolidarität stelle ich wirklich infrage. Wenn es hart auf hart kommt, denkt doch jede wieder nur an sich.

Louise Schneider: Die Männer sind nicht besser.

Simon: Ich glaube, es ist die Menschheit. Solidarität ist zwar gut, aber sie funktioniert nicht in jeder Lebenslage.

Louise Schneider (zu Simon): Wollen wir zusammen auf den Bundesplatz?

Simon: Also ich will dich auf alle Fälle treffen, du bist ein Erlebnis! Aber soll ich dir etwas sagen: Du erinnerst mich ganz fest an mein Grosi.

Louise Schneider: Ich bin nicht Grosi, ich bin sogar Urgrosi!

Simon: Und ich werde in den nächsten Tagen Grosi.

Monika Reber, die Präsidentin der Berner Haus- und Kinderärzte, ist derweil in die Runde gesessen. Die Langnauerin ist selber auch Hausärztin. Obwohl sie mitten im Gespräch zur Runde stösst, hat sie keine Mühe, den Anschluss zu finden, und schnell gibt sie wichtige Inputs. Reber hat zwei Teenager-Töchter (14 und 16).



Wir haben hier lauter Mütter ausser Sandra Schneider. Wollen Sie auch Kinder?

Sandra Schneider: Das ist eher ein Projekt für die nächsten fünf bis zehn Jahre. Im Moment möchte ich auf die Karriere setzen.

Frau Reber, was bekommen Sie von den Müttern mit, die zu Ihnen in die Praxis kommen?

Monika Reber: Die ganze Palette von glücklichen zu überforderten zu frustrierten Müttern. Es gibt die schönen Momente, wenn das Kind die ersten Schritte macht, es gibt die Erschöpfung, wenn das Kind jede Nacht schreit.

Louise Schneider: Ich erinnere mich nicht, dass ich mal überfordert war mit meinen Kindern.

Reber: Die Frauen kommen nicht zu mir und sagen, sie seien überfordert. Sie kommen zu mir und klagen über Herzrasen oder Kopfweh. Aber das sind Symptome dafür, dass jemand an seinen Grenzen ist.

Simon: Meine zweite Tochter hat mich während zweier Jahre jede Nacht aufgenommen. Da muss man ehrlich sein und sagen, dass man als Frau an den Rand dessen kommt, was man ertragen mag.

Reber: Und heute gehen viele Frauen arbeiten. Die müssen morgens aufstehen, die Kinder sollten versorgt sein, und dann sollten sie noch gut aussehen und etwas leisten auf der Arbeit.

Louise Schneider: Es braucht ein Jahr Mutterschaftsurlaub.

Simon: Was ich viel wichtiger fände: dass man den Mutterschaftsurlaub mit einem Elternurlaub ersetzen würde.

Reber: Ich wäre schon zufrieden mit einem halben Jahr, das die Eltern frei unter sich aufteilen könnten.

Sandra Schneider: Ich finde das Konzept eines Elternurlaubs interessant. Aber dies müsste freiwillig, bilateral mit dem Arbeitgeber abgemacht werden ­können.

Das ist aber kaum eine Mehrheitshaltung in der SVP.

Sandra Schneider: Ich denke schon, dass sich die SVP mit den richtigen Argumenten überzeugen liesse.

Frau Reber, kommen auch Männer mit ihren Kindern in die Praxis?

Reber: Selten. Meistens nur, wenn am Papitag ein Unfall passiert.

Simon: Bei uns war es gar keine Frage, dass ich ging, wir mussten gar nicht darüber reden.

Louise Schneider: Wenn ich Hilfe gebraucht hätte, hätte ich es sagen können. Es kam ihm vielleicht nicht selber in den Sinn. Aber wenn ich ihn brauchte, war er da.

(Sandra Schneider verabschiedet sich. Nun wechselt man vom Wasser zum Kaffee.)

Wer sind Ihre Vorbilder?



Reber: Mich faszinierten Frauen, die einen spannenden Beruf hatten. Ich wusste mit 14, dass ich Ärztin werden will – und ich suchte mir meine Vorbilder. Mein Hausarzt sagte mir, Ärztin sein und Familie haben, das geht eigentlich nicht zusammen. Ich ging weinend nach Hause.

Standen Ihnen alle Türen offen, als Sie Ärztin wurden?

Reber: Bis zum fünften Studienjahr hatte ich das Gefühl: Ich kann alles als Frau. Doch dann fingen meine Kolleginnen und ich an, Wege zu suchen, die sich mit einer Familie vereinbaren liessen. Männer aber suchten sich Karriereziele einzig nach ihren Vorlieben. Das war für mich ein Schock. Da muss im Gesundheitswesen noch viel passieren.

Was müsste sich ändern?

Monika: Sicher die Einstellung der Frauen. Aber auch die Arbeitsbedingungen. Mehr Frauen müssen in Führungspositionen sein.

Die Marathonläuferin Maja Neuenschwander ist eben gekommen, steht noch zögernd am Eingang. Die 39-Jährige hat einen anstrengenden Tag hinter sich: Sie unterrichtete in Magglingen und Bern. Nun bleibt sie mit einem schüchternen Lächeln am Eingang stehen, bevor sie bei Cappuccino die letzte Runde des Gesprächs einläutet. Sie hat zwei Kinder (6 und 4).



Simon (ruft laut): Sälü Maja!

Frau Neuenschwander, haben Sie als Sportlerin heute dieselben Chancen wie die Sportler?

Maja Neuenschwander: Das Bild, das gegen aussen transportiert wird, ist noch immer komplett anders im Vergleich zu den Männern. Es geht darum, wie die Sportlerin aussieht und was sie trägt.

Simon: In der Politik wird auch ganz genau hingeschaut, welche Frisur man trägt und ob man farbig angezogen ist.

Neuenschwander: Ich habe gelesen, dass Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen – seien es Unternehmerinnen oder Politikerinnen –, nicht zu auffällig angezogen sein oder zu viel Haut zeigen dürfen. Im Sport ist es umgekehrt. Im Beachvolleyball zum Beispiel wurde definiert, wie gross die Badehose sein darf, die Frauen tragen: Natürlich möglichst klein, weil das Männer bestimmt haben.

Simon: Ich erinnere mich gut an meine erste Pressekonferenz als Finanzdirektorin. Ich bin sonst eher farbig angezogen. Damals machte ich mir Gedanken und griff sehr bewusst in den Kleiderschrank, um seriös zu wirken. Und dann? In den Medien stand: Beatrice Simon war so dunkel angezogen, und sie lachte nicht viel. Ob sie wohl überfordert ist mit dem Job? An diesem Tag war ich am Boden zerstört.

Reber: Das ist wirklich gemein.

Simon: Für mich persönlich nahm ich aus dieser Erfahrung mit, nicht zu probieren, jemand anders zu sein als ich selbst.

Neuenschwander: Das Problem ist: Was machst du, wenn du so, wie du bist, diskriminiert wirst? Wenn du weniger Lohn oder weniger Aufstiegschancen hast?

Simon: Ich würde gerne mehr Frauen in Kaderpositionen haben. Ich stehe vier Ämtern vor: der Finanzverwaltung, der Steuerverwaltung, der Informatik und dem Personal. Im Personal habe ich hin und wieder Bewerbungen fürs Kader. Sonst keine. Es ist verrückt: Eine Frau, die ein Inserat liest, sieht, was sie ­alles nicht erfüllt. Ein Mann hingegen sieht, was er alles kann.

Louise Schneider: Frauen haben auch mehr Angst vor dem Scheitern. Es ist viel schlimmer, wenn eine Frau scheitert als ein Mann.

Ist das heute wirklich noch so?

Reber: Im Gegenteil. Ich erlebe es oft, dass Frauen, denen der Job zu viel wird, rascher etwas anderes machen als ein Mann. Sie wählen den beruflichen Abstieg und werden dort auch glücklich.

Neuenschwander: Die Frau definiert sich nicht nur über den Beruf. Unter Umständen sind ihr andere Sachen wichtiger als der Job: die Familie, die Lebens­balance. Sie findet vielleicht deshalb das Ellbögeln und das ­pubertäre Getue, das man manchmal einsetzen muss, um weiterzukommen, ab einem gewissen Punkt kindisch.

Was wollen Sie Ihren Kindern mit auf den Weg geben?



Reber: Meinen Töchtern versuche ich zu zeigen, dass sie alles machen können, was sie wirklich wollen.

Simon: Wichtig ist, dass man sie nicht in ein Schema drückt, sondern ihnen die Freiheit lässt. Es gab ja eine Zeit, wo Mädchen gar keine Ausbildung machen ­durften.

Reber: Meine Mutter zum Beispiel. Sie ist auf einem Bauernhof aufgewachsen. Die Lehrer wollten sie in die Sek schicken, aber dann hiess es: Du kannst schon gehen, musst aber ja nicht meinen, du kannst zu Hause weniger arbeiten. Später wollte der Notar des Dorfs sie als Lehrtochter, es hiess wieder dasselbe. Sie machte dann den klassischen Weg: Welschland, Heirat, Kinder. Als Kind war sie deshalb auch nicht mein Vorbild. Heute habe ich grossen Respekt vor ihrem Lebensweg.

Frau Neuenschwander, hatten Sie Vorbilder, als Sie Marathonläuferin wurden?

Neuenschwander: Ich hatte keine Vorbilder, aber bewunderte Leute, die Ausserordentliches leisteten. Das waren auch Männer.

Sehen Sie sich selbst als ­Vorbilder?

Louise Schneider: Vorbild ist das falsche Wort. Das ist gefährlich. Ich sage den Jungen immer, sie sollen keine Vorbilder haben.

Neuenschwander: Vielleicht ist Vorbild nicht der richtige Ausdruck. Aber du musst dir bewusst sein, wofür du stehst. Man erkennt mich vielleicht nicht, wenn ich durch die Stadt gehe. Aber wenn ich an einem Wettkampf teilnehme, bin ich in der Szene ein Begriff. Da muss ich mich auch entsprechend verhalten.

Louise Schneider: Ja, als Orientierung. Aber sie sollen nicht das Gefühl haben, dass sie gleich werden müssen. Ich kenne Leute, die daran scheiterten, einem Bild nachzurennen.

Neuenschwander: Dann waren sie auch nicht prädestiniert für dieses Ziel. Wenn du aber etwas machst, das aussergewöhnlich ist, bist du irgendwann auch ein bisschen einsam.

Reber: Wenn ich Studentinnen oder Assistentinnen ausbilde und sie mir sagen, es sei toll, zu sehen, wie ich meinen Beruf ausübe, dann freut mich das. Weil es dadurch für sie einfacher ist, sich ihre Zukunft als Ärztin vorzustellen. In diesem Sinne bin ich gerne Vorbild. Ich selbst konnte früher ja auch von Vorbildern profitieren.

Frau Simon, sind Sie auch Vorbild?

Simon: Ich finde es nicht unbedingt. Wenn das jemand sagt, erwidere ich, dass ich nicht so auf die Welt gekommen bin. Vielleicht bin ich ein Vorbild darin, den Leuten zu vermitteln, dass man nicht bei der ersten schwierigen Situation die Flinte ins Korn werfen muss. Oft muss man sich durchbeissen.

Louise Schneider: Da spielt es keine Rolle, ob man eine Frau oder ein Mann ist.

Neuenschwander: Ja, es müssen alle aktiv sein, um etwas zu erreichen.

Simon: Ich habe nicht das Gefühl, dass da eine Vorbildrolle nötig ist. Wir machen ja alle einfach das, was wir machen.

Neuenschwander: Aber wir stehen in der Öffentlichkeit und werden wahrgenommen. Du sogar sehr stark. Dein Weg, Beatrice, zeigt, dass sehr vieles möglich ist.

Simon: Das zeigen all unsere Wege.

Im Podcast «Rede wie gedruckt» nehmen uns die Journalistinnen Marina Bolzli und Sandra Rutschi hinter die Kulissen mit:

Impressum
Fotos: Franziska Rothenbühler
Moderation/Text: Marina Bolzli/Sandra Rutschi
Videos/Umsetzung: Stephanie Matti/Claudia Salzmann

Impressum
Fotos: Franziska Rothenbühler
Moderation/Text: Marina Bolzli/Sandra Rutschi
Videos/Umsetzung: Stephanie Matti/Claudia Salzmann

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