Der Italo und der Ami

Die Gebrüder Nilovic führen mit dem «Il Grissino» und dem «Luce» zwei Restaurants an zentraler Lage.

Stevo und Nilo sagen: «Wir überleben zusammen oder gehen zusammen unter»

Ein sanfter Frühlingswind weht über den Waisenhausplatz, zwischen den Schuhen der sonnenbebrillten Gäste suchen mutige Vögelchen Futter, und an einem der Tische sitzen die Gebrüder Nilovic. Stevo rückt den Anzug zurecht und bestellt ein San Pellegrino, Nilo trinkt Hahnen­wasser. Stevo wirtet hier im Luce, ­Nilo drüben im Grissino. Für Letzteres läuft in 5 Jahren der Mietvertrag aus, und das Zürcher Gastrounternehmen Bindella dürfte das Lokal übernehmen. «Wenn du kein Italiener bist, musst du doppelt so viel für die Italianità machen. Als Stefano machst du einfach das Da Stefano auf – und fertig», erklärt Nilo. Stevo nickt.

Die Brüder, geboren in Montenegro, seit 47 Jahren in Bern, nach ihren Angaben achtsprachig, haben deshalb viel italienisches Personal angestellt, und Italienisch ist in ihren Häusern Pflicht. «Italien hat einfach die beste Küche der Welt», sagt Stevo. Machen sie Berns beste Pizza? Nilovics grinsen. «Wir gehen nie zur Konkurrenz, deshalb wissen wir nicht, ob unsere die Besten sind», sagt der 49-jährige Nilo. «Wir kopieren nicht unsere Mitstreiter, für neue Inspiration reisen wir nach Italien», so der 54-jährige Stevo.

Kursaal und Reinhards



Die Brüder reden viel, schnell und Berndeutsch. Dass sie heute hier sitzen, haben sie zwei Zufällen zu verdanken. Alles fing an, als ihr Vater Nikola (im Bild oben mit dem zweijährigen Stevo), ebenfalls Kellner, in Montenegro den ­damaligen Kursaal-Direktor bediente. Dieser war so begeistert von der Schaffensart, dass er Nikola eine Stelle anbot. So fing der Vater 1969 im Kursaal an, wo er 17 Jahre lang blieb. Die Söhne reisten mit der Mutter Maria nach und wohnten zu viert im Personalzimmer.

Die Mutter arbeitete als Putzfrau, der Vater nahm einen zweiten Job an und servierte Frühstück in der Militärkaserne. «Unsere Eltern wollten uns etwas bieten, aber wir waren zufrieden mit ihrer Liebe und der Möglichkeit, hier aufzuwachsen», beteuert Nilo, der eine KV-Lehre absolvierte. Stevo bekam nach der Kochlehre mithilfe eines Freundes der Familie einen Ausbildungsplatz an der Hotelfachschule in Lausanne, was weder einfach noch billig war. Die meisten seiner Klasse arbeiten in der Hotellerie, ausser Vegikönig Rolf Hiltl.

Dass ihr heute 75-köpfiges Unternehmen existiert, damit hat die Bäckerfamilie Reinhard etwas zu tun. «Ich wollte das ­Grissino aus einer Konkursmasse kaufen, hatte aber nur mein Pensionskassengeld», erzählt Stevo. Zufälligerweise traf er Elisabeth Reinhard, der er sein Pizzeriakonzept vorstellen konnte. Nur wenige Tage später erhielt Stevo ein Darlehen von einer Viertelmillion Franken. «Als der Angestellte des Konkursamtes das Bargeld sah, meinte er, ich sei wahnsinnig, und befürchtete, ich hätte Drogen- oder Schwarzgeld dabei», erinnert sich Stevo.


Stevo Nilovic über unruhige Nächte.

Das war 1995, 3 Jahre später eröffneten sie das Luce. «Damals waren wir die Ersten mit Holzofenpizza», sagt Nilo. «Die ersten 5 Jahre waren goldig, und wir ­haben viel gearbeitet.» Nilo hätte mit seinem kaufmännischen Wissen ursprünglich die Buchhaltung übernehmen sollen. Bis ins Büro schaffte er es nie, im Restaurant gab es schlicht zu viel zu tun. Das Putzen hätte ihre Mutter übernehmen wollen, nach 16 Stunden Arbeit war nicht mehr daran zu denken. «Zwei Tage haben wir noch selber geputzt, danach ein Unternehmen angeheuert», so Nilo.

Das «Il Grissini» verfügt über 100 Innenplätze im EG, 100 auf der Terrasse und weitere 65 im Untergeschoss.

Es wurde 1995 eröffnet.

Hierher kommt man für Pizzen.

Immer wieder betonen sie, wie wichtig Familie ist. Wie gut es sei, zusammen «z’bügle». Man überlebe zusammen oder gehe halt zusammen unter. «Ich bin der Italo, Nilo ist der Ami. Und er ist ein Alleskönner», antwortet Stevo. Vor dem Eintritt ins Familienunternehmen arbeitete Nilo als Fitnesstrainer, Türsteher, Barkeeper, Taxifahrer und Reiseleiter. Amerika habe ihn immer fasziniert, so sehr, dass er auswandern wollte. «Das haben wir ihm ausgeredet und haben dafür mit dem Roadhouse Amerika nach Bern geholt. Für ihn», sagt Stevo. In dem einstigen Lokal an der Zeughausgasse dienten amerikanische Oldtimer als Tische und Stühle. «Sogar Amerikaner waren begeistert», sagt Nilo nicht ohne Stolz. Bis morgens um drei Uhr arbeitete er jeweils dort, dann stürzte er sich ins Nacht­leben. «Mein Leben war ein gutes Chaos.»

Nach 6 Jahren war Schluss, das Roadhouse wurde verkauft, und mit dem Geld wurde das Azzurro beim Inselspital eröffnet, wo ­Stevo seinen Traum von einem Fischrestaurant verwirklichen wollte. «Bald merkten wir aber, dass es einfach zu weit weg ist», sagt Nilo. Und sein Bruder pflichtet ihm bei: «Unser Credo ist, dass wir präsent sein wollen. Dort war das unmöglich.» So wurde das ­Azzurro an eine Mitarbeiterin verkauft, die das Interieur genau so beliess, wie es Nilovics eingerichtet hatten.

Das Luce hat 86 Plätze auf der Terrasse und 90 drinnen.

Es wurde im Jahr 1998 eröffnet.

Hierher kommt man für Essen aus der Region «Emilia Romagna».

Fussballer und Handschlag

Wer Erfolg hat, hat auch Neider. Das haben auch die Gebrüder Nilovic gespürt. «Manche denken, wir sind reich. Wir streiten nicht ab, dass es uns gut geht, wir arbeiten viel», sagt Nilo.


Die Brüder über Erfolg und Neid.

365 Tage im Jahr sind beide Lokale offen und beide Wirte möglichst oft vor Ort. Dies, weil die Berner nicht ins Luce oder ins Grissino gehen, sondern zu Nilo oder zu Stevo. Im Luce sind auch die Söhne von Stevo anwesend, Michael macht hier im Luce und im Bellevue eine Service­lehre. Nicolas, der beim FC Chiasso spielt, kuriert derzeit eine Hüftoperation aus. Sie verabschieden sich bei Vater und Onkel mit Handschlag und Backenkuss.

Erwartungen an Stevos Söhne und an Nilos Töchter, dass die Nilovic-Ära in Bern weitergeht, haben die beiden keine. «Sie sollen ihrem Herzen folgen, aber wir würden uns natürlich freuen», sind sie sich einig. Im Jahr 2023 läuft der Vertrag fürs Grissino aus, mit dem Vermieter konnten sie sich nicht mehr einigen. «Wir haben aber nun genug Zeit, um ein Lokal in der Nähe zu suchen», sagt Nilo.

Bindella bestätigt, dass ihre Verhandlungen beim Grissino weit fortgeschritten seien. Es wäre das achte Gastrolokal in der Stadt Bern.

Impressum
Fotos: Franziska Rothenbühler
Text: Claudia Salzmann
Videos: Claudia Salzmann

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