Dreieckige Ikone aus der Länggasse

Die weltbekannte Toblerone wurde in der Länggasse erfunden.

Heute wird sie in Bern-Brünnen produziert. Dennoch hat die weltbekannte Schoggi ihre Berner Verankerung verloren.

Vor 110 Jahren soll Chocolatier Theodor Tobler in einer Nacht in der Berner Länggasse mit seinem Cousin die Toblerone er­funden haben. «Süssliche Ge­rüche dringen aus der Küche im Haus an der Fellenbergstrasse 8, draussen ist längst stille Nacht. Drinnen scheppern Pfannen­deckel und Schwingbesen, in den Töpfen blubberts, dampfts und zischts.» So wird die Geburt der weltbekannten Schokolade im Buch «Schoggibaron» geschildert.

Dieses stammt von Andreas Tobler, Historiker und Enkel von Theodor Tobler. Er hat es mit Patrick Feuz, dem heutigen Chef­redaktor der Tageszeitung «Der Bund», verfasst. Tobler junior kannte seinen 1941 verstorbenen Grossvater nie. «Die Toblerone-Welt war für mich weit weg, doch durch das Buch bin ich ihr nähergekommen», sagt der 59-jährige Enkel. Bei der Recherche sei er auf ein Notizbuch gestossen, worin der Grossvater seine jungen Jahre festhielt. «Man merkte, dass er immer auf der Suche nach etwas Neuem war, und es halt nur Innovative weiterbringen.»

Ob die damalige Toblerone wie die heutige schmeckte, ist nicht bekannt. Sicher ist, dass sie nebst der Milchschokolade (Daniel Peter) und der Schmelzschokolade (Rodolphe Lindt) eine der wichtigsten Pionierleistungen in der Schweizer Schokolade­geschichte war. Noch bis Mitte des 18. Jahrhunderts war Schokolade hart, bitter und wohl knapp geniessbar.

Theodor Tobler, geboren 1867, war ein Macher und schon in jungen Jahren ein umtriebiger Geschäftsmann: Er baute die bis anhin flache Schokoladentafel in eine dreieckige Form um. Ob er sich dabei von einer Erinnerung an Tänzerinnen in einem Pariser Revue-Theater, die sich als Pyramide auftürmten, von der Form des Matterhorns oder dem Dreieck der freimaurerischen Sym­bolik inspirieren liess, bleibt im Dunkeln.


Theodor Tobler im Jahr 1905, mit 29 Jahren.



Toblers Innovation begann mit einem neuen Produktionsverfahren, indem er Milchschokolade mit Mandeln, Honig und Nougat mischte. Dieses Vorgehen liess Tobler als sein geistiges Eigentum patentieren. Erst 1994 wurden Form, Verpackung und der Name ­geschützt, der ein Neo­logismus aus dem Familien­namen Tobler und Torrone ist.

Das Nougat Torrone lernte Tobler 1905 in einer Schokoladenfabrik in Turin kennen. So ist es im offiziellen 100-Jahr-Toblerone-Buch nachzulesen. Doch es gibt noch eine andere Version der Geschichte, wie Andreas Tobler erzählt: «Was sein Cousin Emil Baumann damals machte, war eigentlich Industriespionage. Er reiste nach Frankreich, entdeckte dort Nougat de Montélimar und kam mit einem Rezept zurück», sagt Tobler.

Theodor Tobler stieg mit 18 Jahren bereits ins Bonbongeschäft seines Vaters Jean ein. Die Confiserie Spécial war zuerst an der Mittelstrasse. 1899 beschloss die Familie, auf Schokolade umzusteigen, und baute eine Fabrik in der hinteren Länggasse. Davon zeugt noch heute die Uni Tobler, das Gebäude der Berner Hochschule.

Dort wurde nebst der ­Toblerone auch die rhombus­förmige Sportschokolade Nimrod und die sechseckige Toblerido produziert. Zuerst war die Toblerone ein Luxusprodukt. 1915 betrug der Stundenlohn von Männern 43 Rappen, von Frauen 32. Eine 15 Rappen teure Toblerone verschlang die Hälfte davon.

Die Top-Seller

Die Blechpest beim Zytglogge

Das Tobler-Sortiment

Bei den Sujets der Gestaltung verliess sich Tobler auf Populäres: die Berge, den Bären und die Schweizer Flagge. Auch die Werbung – damals noch Propaganda genannt – trieb der innovative Tobler voran: Er machte eine frühe Form von Promi-Unterstützung, liess in London Toblerone verteilen, sandte Werbedias und -filme in Kinos bis nach Australien und sorgte in Bern beim Heimatschutz mit Werbeschildern für rote Köpfe. Ganze Häuser in der Altstadt waren damit voll, bei der Einfahrt nach Bern passierten Reisende achtzig Tobler-Plakate.

Vor dem Krieg war Tobler mit sechshundert Mitarbeitenden einer der grössten Arbeitgeber Berns. Während der Krisenjahre in den 20ern bewies Theodor Tobler Risikobereitschaft und expandierte nach Amerika. Als dort horrende Zölle auf Confiserie­artikeln eingeführt wurden, musste er Verluste einfahren. Der Innovator lief auf. Auch Fehl­käufe von Fabriken in Locarno und Turin halfen dem Unternehmen nicht. Kein Wunder: «Mein Grossvater hatte ja auch nur eine kurze kaufmännische Ausbildung», sagt Andreas Tobler. Was er aber erkannt habe, sei, dass er ein Risiko auf sich nehmen müsse, um vorwärtszukommen. Dafür musste er auch mal vor dem Verwaltungsrat erklären, warum er so viel Geld für Werbung ausgebe.

1931 musste die Firma Tobler saniert werden. Theodor Tobler blieb Direktor, hatte aber nichts mehr zu sagen. «Sein Lebenswerk zu verlieren, hat mein Grossvater nie verkraftet», sagt Andreas Tobler. Allerdings gründete er in Burgdorf die später erfolgreiche Firma Typon und übernahm im Mattenhofquartier eine Bonbonfabrik.

1985 wurde in Bern-Brünnen die Fabrik eröffnet.

Die neueste Variation der Toblerone wurde bereits erneuert und als Praline herausgebracht.

Ab 1991 kommt jede Toblerone, die es rund um den Globus zu kaufen gibt, aus dem Werk in Bern.

Mit der Fixierung auf einen Verkaufsklassiker konnte Toblerone seine Unabhängigkeit nicht behaupten: In den darauf folgenden sechzig Jahren wurde die Berner Firma übernommen und weiterverkauft. Zuerst erfolgte die Fusion mit Suchard, danach der Verkauf an Klaus Jacobs und schliesslich an Philip Morris.

Heute gehört die Toblerone zu Mondelez, einem US-Konzern, der aus Kraft Food entstand. Sie reiht sich nebst Oreos, Milka, Philadelphia oder Trident in eine breite Produktepalette ein und verliert damit ihr Profil und die lokale Identität. Dabei wäre das leicht: mit einem Laden, wie ihn Kambly vor Ort hat, oder einer Erlebniswelt wie bei der Ragusa-Produzentin Camille Bloch.

Immerhin blieb die Produktion in Bern. Seit 1991 werden sämtliche Tobleronen für die ganze Welt im Werk in Bern-Brünnen pro­duziert: Eine halbe Million Tafeln, eine halbe Million Riegel und rund 2,5 Millionen Pralinen werden täglich produziert, ist von der Medienstelle zu erfahren. 96 Prozent davon gehen in den Export, Toblerone macht 40 Prozent des Schweizer Schokoladenexports aus. Wie gut der Verkauf läuft, ­darüber schweigt sich Mondelez aus. Vor zehn Jahren arbeiteten 450 Personen dort, heute sind es noch 180 Mitarbeitende. Über die Gründe, warum die Grösse der Belegschaft derart sank, ist nichts in Erfahrung zu bringen, es dürfte aber mit der Automatisierung ­zusammenhängen.



Die Toblerone gibt es heute in weisser und in schwarzer Aus­führung, mit Nüssen und Früchten, zeitweise mit weissem Gipfel, als Pralinen, in den Grössen von acht Gramm bis 4,5 Kilogramm. «Ein Teil der Kundschaft will eben immer etwas Neues», ist sich Andreas Tobler sicher. Und sinniert: «Toblerone könnte auch mal für Fair Trade und in Bio­qualität produziert werden.» Was wohl sein Grossvater einfach umgesetzt hätte, funktioniert bei einem international tätigen Un­ternehmen anders. Als Mitglied des Dow Jones Sustainability Index sei nachhaltiges Wirtschaften ein wichtiges Thema für Mondelez, schreibt die Medienstelle. «Wir stellen aktuell unser weltweites Schokoladenportfolio nach und nach auf Cocoa-Life-zertifizierten Kakao um», heisst es weiter. Auch die Umstellung für den in der Toblerone ver­wendeten Kakao sei in Planung.

Letztmals Schlagzeilen machte die Toblerone 2016, als in Grossbritannien die ikonische dreieckige Form erneuert und Zacken eingespart wurden dazu, Preiserhöhungen vorzubeugen. Die Leute goutierten diese In­novation nicht, und Mondelez kehrte zurück zur Ikone, die man praktisch in jedem Land und auf jedem Flughafen der Welt findet.

Impressum
Konzept/Text: Claudia Salzmann
Foto Andreas Tobler: Raphael Moser
Fotos Fabrik: Andriana Bella / BZ Archiv
Bilder: Burgerbibliothek, Fond Suchards, Historisches Museum, Kraft Foods Deutschland, Kraft Foods UK.

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