Tränen auf dem Kilimandscharo

Das höchste Gebirge Afrikas ist der Gipfel des Trekking-Tourismus. Schaffen auch Anfänger die härteste Wandertour der Welt?

Ausblick vom Gipfel des Kilimandscharo.

Ausblick vom Gipfel des Kilimandscharo.

Text: Michael Marti
Digitalproduktion: Dinja Plattner

Ist es wirklich eine gute Idee, auf 5895 Metern über Meer die Ferien zu verbringen?

Es ist Nacht, alles schwarz, Temperatur: minus zehn Grad. Es ist der Moment, in dem ich mich erinnere, wie zu Hause, als ich auf Partys oder Apéros von meinem geplanten Kilimandscharo-Experiment erzählte, die Leute lange und aufmerksam zuhörten, auch die viel jüngeren. Und wie mich das freute.

Aber jetzt ist es nur gottverdammt kalt. Im Innern des Zeltes gefriert Schwitzwasser zu Schnee, Flocken fallen von der Dachplane auf den Schlafsack herab.

Das Biwak am School Hut, 4715 Meter über Meer, ist die letzte Gelegenheit, noch mal alles zu überdenken – die letzte Gelegenheit für einen geordneten Rückzug. Peinlich zwar, doch Garantie dafür, ohne Lungenkollaps oder Hirnschaden vom höchsten Berg Afrikas wieder runterzukommen.

Doch die Furcht vor der Schmach ist grösser als die vor Invalidität.

Lesen Sie auch den 2. Teil über die Träger und Trägerinnen am Berg:
Tragbare Bedingungen

Fünf Routen stehen zur Wahl.

Die Lemosho-Route führt entlang der Nordflanke des Kilimandscharo-Massivs und zweigt dann im Osten nach oben zum Gipfel.

Die Lemosho-Route führt entlang der Nordflanke des Kilimandscharo-Massivs und zweigt dann im Osten nach oben zum Gipfel.

Man muss sich gut überlegen, welchen Weg man nimmt.

Die Reisegruppe ist acht Tage lang unterwegs. Das ermöglicht eine gute Höhenanpassung.

Die Reisegruppe ist acht Tage lang unterwegs. Das ermöglicht eine gute Höhenanpassung.

Der Gipfelsturm beginnt um Mitternacht, unsere Gruppe nimmt die finale Etappe in Angriff, 1180 Höhenmeter bis nach ganz oben. Eine endlose Zahl Spitzkehren führt durch schweren Schnee steil bergauf, Stirnlampen leuchten die Spur aus. Es ist ein Aufstieg im Zeitlupentempo, fast schon ein Treten an Ort. Die Steigung, die dünne Luft.

Und dann, nach den ersten hundert Schleifen, kauert eine Trekkerin aus einer früher gestarteten Seilschaft im Schnee: schluchzend, erschöpft. Die Frau hat sich übergeben. Endstation. Neben ihr steht ein Führer, wir müssen nicht anhalten. Fürs Anhalten ist es ohnedies zu kalt.

«Wo gibts hier eine Internet-Connection?»

Zuverlässige Zahlen, wie viele es bis zur Spitze schaffen, gibt es nicht. Mal heisst es 90 Prozent der Gestarteten, mal nur 70 Prozent. Zwar lässt sich der Kilimandscharo in Wanderschuhen begehen, ohne Eispickel oder Steigeisen. Doch die Höhenkrankheit kann selbst Spitzenathleten in die Knie zwingen.

In acht Tagen auf den Gipfel. Das ist möglich über die Lemosho-Route. Grafik: SoZ Can

Aber das Quantum Risiko macht Reiz und Nimbus des Riesen aus. Für viele Zeitgenossen ist er ein Punkt ganz oben auf der Liste der Dinge, die sie im Leben noch machen wollen. Der Kilimandscharo, das ist der Gipfel des Trekkingtourismus.

Rund 40 000 Bergfreunde messen jährlich ihre Kräfte am Gebirge im Norden Tansanias, drei Breitengrad südlich des Äquators. Der weisse Berg, wie er auch heisst, ist die lohnendste Devisenquelle des Landes und wird intensiv bewirtschaftet. Fünf Routen stehen zur Wahl – man soll sich gut überlegen, welcher man folgt. Abzuraten ist etwa vom Coca-Cola-Trail, breit ausgebaut und hoch frequentiert. Hier herrscht zur Hauptsaison ein Gedränge wie an Ostern auf der Rigi.

Der beste Weg nach ganz oben

Die Lemosho-Route Northern Circuit führt in acht Tagen auf den Gipfel des Kilimandscharo. Es ist die ruhigste und längste Route zu Afrikas höchstem Punkt. Der Aufstieg beginnt im Bergregenwald, Umrundung im Norden. Dank langer Dauer gute Höhenanpassung und gute Chancen, den Gipfel zu erreichen. Pro Etappe fünf bis acht Stunden. Fordernd ist der Gipfeltag mit einem Aufstieg von 1180 Metern und dem Abstieg mit einer Höhendifferenz von 2815 Metern.

Hauptsaison: August und September. Ruhiger am Berg ist es von Januar bis März.

Arrangement: Der Preis für die Gruppenreise beträgt bei Hauser Exkursionen 3420 Fr. p.P. inkl. Flug ab Frankfurt. Im Preis inbegriffen sind Transfer und Essen, nicht aber das Trinkgeld für Träger und Guides (pro Reiseteilnehmer 200 bis 300 Fr.).

Hauser Exkursionen: Vertretung in der Schweiz durch B&B Travel in Zürich, Tel. 044 380 43 43; www.bandbtravel.ch

Acht Tage lang aufs Duschen verzichten ...

Das Biwak am Third Cave, 3800 Meter über Meer.

Das Biwak am Third Cave, 3800 Meter über Meer.

... und im Zelt bei minus 10 Grad übernachten.

Im Innern des Zelts gefriert in der Nacht Schwitzwasser zu Schnee.

Im Innern des Zelts gefriert in der Nacht Schwitzwasser zu Schnee.

Deshalb wählten wir einen Weg abseits vom Hauptverkehr: die Lemosho-Route. Erst 2009 angelegt, führt sie lange der Nordflanke des Kilimandscharo-Massivs entlang und zweigt dann im Osten nach oben zum Gipfel. Schwierigkeitsgrad: fordernd. Weniger als 15 Prozent der Wanderer entscheiden sich für diese Variante, die Lemosho-Route ist die Empfehlung für alle, die den Mainstream umgehen wollen. Übernachtet wird nicht in Lodges, sondern in Zelten. Auch dies hält die Massen fern.

Vor dem Trekking kann man sich auf vieles vorbereiten. Nicht aber auf die Reisegruppe. Was sind das für Menschen, die mit Todesverachtung acht Tage lang aufs Duschen verzichten?

Fabienne, 44, die Polizistin aus dem Aargau («Ich habe schon mit einer Uzi-Maschinenpistole geschossen») ist eine sturmerprobte Trekkerin; sie marschierte bereits zum Everest Base Camp und durchs Ruwenzori-Gebirge. Auf den Kilimandscharo will sie, weil der was ganz Besonderes ist: «eine echte Gipfelbesteigung».

Marco, 53, ist Medienmanager aus Zürich («Wo gibts hier eine Internet-Connection?»). Vorbereitet auf die Tour hat er sich im Fitnessstudio, mit Sonderübungen für die Beine. Marco hat Hemingways «The Snows of Kilimanjaro» gelesen und ist darauf, typisch für Männer seines Alters, der Sehnsucht Wildnis erlegen.

Ulla und Jochen müssen sich ein enges Zelt teilen. Eine ähnlich grosse Prüfung wie der Gipfelsturm selbst.

Ulla, 29, ist Betriebswirtin und Marathonläuferin, sie ist mit ihrem Freund Jochen, 28, hier. Jochen ist Ingenieur und nicht so sportlich («Ich schaffe bloss 20 Kilometer»). Das Paar aus Westfalen muss sich eines der engen Zelte teilen. Eine ähnlich grosse Prüfung wie der Gipfelsturm selbst.

Gerd, 66, ist pensionierter Mediziner, stammt aus Ostdeutschland und erzählt gerne Witze («Was ist Scheisse? Ein Furz mit Gewicht!») Er trägt im Rucksack ein Oximeter mit, ein Messgerät, um die Sauerstoffsättigung des Blutes zu bestimmen. Gerd hat daheim Tag um Tag zwei Stunden auf dem Hometrainer gestrampelt – unter einer Atemmaske, die dünne Gipfelluft simuliert.

Zelte, Essen, Wasser und auch ein Trockenklo:

Träger transportieren die schweren Lasten.

Träger transportieren die schweren Lasten.

Selbst die zähesten Trekker sind auf Träger angewiesen.

Einheimische balancieren auf dem Kopf bis zu 20 Kilogramm.

Einheimische balancieren auf dem Kopf bis zu 20 Kilogramm.

Wer zu schnell nach oben will, dem droht die Höhenkrankheit. Kopfschmerzen, Erbrechen, Schwindel, das sind die harmlosen Komplikationen. Ein Lungen- oder Hirnödem die fatalen. Auf der Lemosho-Route ist man acht Tage unterwegs, wertvolle Zeit für eine gute Höhenanpassung. Die Lemosho-Route ist eine respektvolle Annäherung an den Stolz Afrikas.

Ein Trockenklo, Modell «Natural Instincts»

Der Ausgangspunkt liegt 1800 Meter über Meer, der Weg führt durchs feuchte Grün des Bergregenwalds, es riecht wie in einem Gewächshaus. Von der Nordseite des Kilimandscharo dann geht der Blick hinunter ins Flachland Kenias: dorthin, wo rund 1,9 Millionen Jahre bevor der moderne Mensch das Trekking erfand, sein Vorfahre, der Homo erectus, durch die Savanne zog.

Ab 2700 Metern, das alpine Hochmoor: Fluoreszierende Flechten, Riesenerika, Schlammfelder und übermannshohe Senecien, die in die Höhe ragen wie knochige Finger. Dann die Marslandschaft, mit ihrem Rot, das ans Blau des Himmels prallt, und dem Vulkanstaub, der Tage lang unter den Nägeln klebt. Ab 5000 Metern die arktische Zone, hier gibt es keine Pflanzen und Tiere mehr, nur Stein, Schnee, Gletschereis.

Die Touristen schultern einen Tagesrucksack, Gewicht: 10 Kilogramm.

Selbst die zähesten Trekker würden die Kletterpartie niemals ohne Bergführer und Träger schaffen. Die Einheimischen balancieren auf dem Kopf die schweren Lasten, bis zu 20 Kilogramm: Zelte, Essen, Wasser, auch ein Trockenklo (Modell: «Natural Instincts»). Einen Tagesrucksack, Gewicht 10 Kilogramm, schultern die Touristen. Wenn einen die Träger mit doppelter Last und doppelter Geschwindigkeit überholen – dann macht einen das, zumindest in den ersten Tagen, ziemlich verlegen.

Kurz vor dem Gipfel kämpft jeder für sich allein.

Gletscherlandschaft auf der letzten Etappe zum Uhuru Peak.

Gletscherlandschaft auf der letzten Etappe zum Uhuru Peak.

Du musst immer weitergehen. Auch wenn du schon lange nicht mehr kannst.

Michael Marti, Autor der Reportage.

Michael Marti, Autor der Reportage.

Die Kolonnen der Porter erinnern womöglich an Bilder aus Afrikas Kolonialepoche. Doch die Jobs, auch für geübte Männer strapaziös, sind begehrt. 2016 verdiente ein Träger durchschnittlich 15 Dollar pro Tag (inklusive Trinkgeld), so die Zahlen von «Kilimanjaro Porters Assistance Project»; der Verband setzt sich für faire Anstellungsbedingungen am Berg ein. Zum Vergleich: Eine Hausangestellte in der Hauptstadt Dodoma kommt auf einen Tagesverdienst von weniger als einem Dollar.

Trekking ist Tourismus, und Tourismus ist voller Widersprüche. Im Fall des Kilimandscharo-Geschäfts besteht ein sonderlicher Kontrast auch darin, dass es einem Tansanier nie in den Sinn käme, auf seinen Hausberg zu klettern – ausser als Guide oder Porter.

Bergführer Massawe steigt beruflich 15-mal im Jahr zum Gipfel.

Der 32-jährige Bergführer Tido Massawe, Chef unserer Expedition, sagt: «Ich würde gerne nach Deutschland reisen.» Massawe, verheiratet, Vater eines Sohnes, steigt berufshalber 15-mal im Jahr zum Uhuru Peak. Mit 22 absolvierte er die Ausbildung zum Guide und nahm Deutschkurse an einer Privatschule. «Das bringt mir jetzt mehr Jobs ein.» Es war, nebenbei bemerkt, ein Deutscher, der 1889 den Kilimandscharo erstmals bezwang – dank dem Beistand von 165 Lastenträgern.

Die Gruppe hat sich aufgelöst

Ein Trekking führt Menschen mit demselben Ziel zusammen, das garantiert einen grossen Vorrat an Gesprächsstoff. Abends im Esszelt mutmasst Marco, der Hemingway-Typ, ob die Tabletten, die er seit der Landung in Tansania schluckt, tatsächlich vor der Höhenkrankheit schützen. Fabienne, die Frau mit Everest-Erfahrung, wägt Vor- und Nachteile von Steh- und Plumpsklos ab. Jochen, der Halb-Marathon-Mann, schwärmt von seiner Stirnlampe, Leuchtkraft: 550 Lumen. Und Gerd, der Mittsechziger, kann erzählen, dass auch die Tennislegende Martina Navratilova den Kilimandscharo habe bezwingen wollen, auf 4500 Metern jedoch umkehren musste. Sie war 54.

Der Berg ist eine Prüfung des Willens.

Der Uhuru Peak, Afrikas höchster Punkt auf 5895 m ü. M.

Der Uhuru Peak, Afrikas höchster Punkt auf 5895 m ü. M.

Glück und Erleichterung treiben Tränen in die Augen. Oder ist es der Wind?

Blick am frühen Morgen vom Gipfel des Kilimandscharo.

Blick am frühen Morgen vom Gipfel des Kilimandscharo.

Wir aber sind ganz nah an der Erlösung. Wer nach gut sechs Stunden mit Pudding in den Beinen dem Schrecken der Serpentinen entkommt, erblickt am Kraterrand beim Gilman’s Point ein überwältigendes Gebirgs-Gemälde, gemalt von der aufgehenden Sonne. Dann sind es noch zähe 150 Höhenmeter zum Uhuru Peak, zwei lange Stunden. Nach dem Schneefall in der Nacht ist es, als stolperte man durch die Arktis.

Lange schon hat sich die Gruppe aufgelöst. Jeder kämpft jetzt allein. Und spätestens nun erkennt man, was der Kilimandscharo fordert: Weitergehen, auch wenn du schon lange nicht mehr kannst, stundenlang. Der Berg ist eine Prüfung des Willens.

Dann am Schluss sind alle da: Marco, Fabienne, Gerd, die ganze Gruppe. Und beim Umarmen, beim Hinstellen fürs Gipfelferien-Foto treiben Glück, Erleichterung und Stolz auch dem stärksten Mann Tränen in die Augen.
Oder ist es der Wind?

Die Reise wurde unterstützt von B&B Travel und Hauser Exkursionen.

  • Impressum

  • Text: Michael Marti
  • Foto: Steffen Brockhan, Michael Marti
  • Produktion: Dinja Plattner
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