In Brönnimanns Reich

Der Wandschrank gibt am Morgen Kleidertipps.

Sensoren im Fussboden registrieren jede Bewegung.

Im Living Lab in Biel wollen Forscher die Pflege revolutionieren.

Wenn Kurt Brönnimann am Morgen aus dem Bett steigt, wird er als Erstes von seinem Kleiderschrank begrüsst. «Guten Tag, Kurt», steht auf einem Bildschirm in der Schiebetüre. Darunter sind die Termine des Tages aufgelistet und die Wettervorhersage abgebildet. Mit einem Druck auf den grünen Knopf gelangt Brönnimann zum nächsten Menüpunkt: der vom Computer empfohlenen Kleidung.

Diese ist mit den aktuellen Messdaten von draussen sowie der Vorhersage abgestimmt. An diesem Morgen sind es 12 Grad, Pullover, lange Hosen und Turnschuhe sind angesagt. Nach einem erneuten Drücken des Knopfs steht auf dem Bildschirm: «Pullover, drittes Regal links.» Und tatsächlich liegt dort der vom Programm empfohlene blaue Strickpullover, dessen Position ständig von einem integrierten Chip übermittelt wird.

Der «intelligente Kleiderschrank» ist nur eines von vielen Assistenzsystemen in der Wohnung von Kurt und Elisabeth Brönnimann. Er leidet an leichter Demenz, sie an Diabetes und Hüftproblemen. Beide haben die Altersgrenze von 80 Jahren vor kurzem überschritten, wollen aber so lange wie möglich in der eigenen Wohnung bleiben.

Deshalb ist auch der Boden mit Sensoren ausgestattet, die registrieren, wenn jemand hinfällt. Sofort würde dann ein Alarm auf ein vordefiniertes Gerät gesendet. Mittels Smartphone steuert anschliessend beispielsweise der Sohn einen fahrbaren Roboter, der sich in der Wohnung befindet. Über dessen Kamera kann er die Situation vor Ort überprüfen oder via Skype mit den Eltern sprechen.

«Guten Tag, Kurt», steht auf einem Bildschirm in der Schiebetüre. Darunter sind die Termine des Tages aufgelistet und die Wettervorhersage abgebildet.

Die Wohnung der Brönnimanns

Massiver Personalmangel

Das alles ist allerdings Zukunftsmusik. «Living Lab» nennt sich das Ganze und wird von der Medizininformatik der Berner Fachhochschule in Biel betrieben. In der Forschungsumgebung in unmittelbarer Nachbarschaft zum Spitalzentrum wollen die Wissenschaftler und Studenten her­ausfinden, wie die Pflege der Zukunft aussieht und welchen Beitrag die Informatik leisten kann.

Die Forscher haben dazu nicht nur eine komplette Alterswohnung für das fiktive Ehepaar Brönnimann aufgebaut, sondern auch einen Operationssaal, eine Intensivstation, eine Apotheke und eine Hausarztpraxis.

Für sie ist klar: Nur mithilfe von Digitalisierung und Computern zur Un­terstützung der Pflege können die Herausforderungen bewältigt werden, die auf das schweizerische Gesundheitssystem zu­kommen.

«Die Gesellschaft überaltert immer mehr, und der Mangel an Pflegefachpersonal wird grösser. Deshalb ist es unumgänglich, dass die alten Menschen künftig so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden wohnen», sagt Michael Lehmann, Professor für Medizininformatik.

Tatsächlich gehen Prognosen bis 2030 von 28'000 zusätzlich benötigten Fachkräften in Pflege- und Altersheimen sowie 19'000 in den Spitex-Organisationen aus. Und schon heute ist qualifiziertes Personal in den Institutionen vielerorts Mangelware.

Wie eine Analyse des Recherchedesks von Tamedia letzte Woche zeigte, bauten im Kanton Bern 72 von den rund 300 Heimen in den letzten vier Jahren qualifiziertes Personal ab. Schweizweit ist es rund ein Fünftel aller Heime.

Deshalb sind neue Lösungen gefragt. Und genau an diesen arbeitet Lehmann mit seinem Team. Finanziert werden die Projekte häufig von Spitälern, Pflegeheimen oder anderen Unternehmen. «Auch wenn wir Software entwickeln, steht im Mittelpunkt stets der Mensch. Bei uns sind das die Figuren Elisabeth und Kurt Brönnimann.»

Bis ins letzte Detail haben die Wissenschaftler deren Wohnung eingerichtet. Im Bücherregal stehen Abhandlungen über die Tiersystematik, am Kühlschrank hängen Postkarten ehemaliger Studenten an Brönnimanns, sogar eine angeschriebene Türklingel gibt es im «Living Lab».

«Wenn wir neue Lösungen für das Gesundheitssystem vorschlagen wollen, dann müssen wir genau verstehen, wie die Akteure und die Patienten denken. Deshalb achten wir auf eine realitätsnahe Umgebung», sagt Lehmann.

Im Falle von Herrn und Frau Brönnimann steht die Frage im Zentrum: Was benötigen und wollen die beiden? «Nicht alles, was technisch machbar ist, ist auch sinnvoll.» Beim intelligenten Kleiderschrank etwa habe es zu Beginn eine Funktion gegeben, bei der ersichtlich gewesen sei, wie Kurt mit den vorgeschlagenen Kleidern aussehen werde.

Das sei aber überflüssig. «Das Weglassen ist schwieriger als das Entwickeln von verrückten Ideen», so Lehmann. Getestet werden die Systeme jeweils von Studenten, aber auch von Pflegefachpersonen.

Sowieso arbeiten die meisten digitalen Helfer in der Alters­wohnung der Zukunft im Hintergrund. «Die alten Menschen sollen so wenig wie möglich mit der Technik zu tun haben. Sonst werden die neuen Möglichkeiten nicht akzeptiert.»

Auch auf Videokameras zur Überwachung wird deshalb verzichtet, auch wenn das laut Lehmann technisch die einfachste Lösung wäre. Stattdessen werden spezielle Sensoren wie jene im Boden eingesetzt. Der fahrbare Roboter mit dem Tablet sei das Maximum an sichtbarer Technik.

Helfer im Einsatz

Sogenannte technische Assistenzprodukte sind auch in Schweizer Pflege- und Alters­heimen im Kommen. Bereits gibt es eine ganze Reihe verschiedener Lösungen auf dem Markt.

Diese reichen von Notrufuhren mit GPS-Sendern über motorisierte Gehhilfen bis hin zu Überwachungssystemen von Räumen mit dementen Senioren. Auch erste Bodenmatten oder Bodensysteme mit Sensoren, wie sie an der Berner Fachhochschule in Biel erprobt werden, können bereits gekauft werden.

Laut Helena Zaugg, Präsidentin des Schweizer Berufsverbands der Pflegefach­frauen und Pflegefachmänner, werden aber vor allem GPS-Uhren eingesetzt. Mit diesen können Senioren Alarm schlagen, wenn ihnen etwas passiert, oder Angehörige können sie lokalisieren.

In Pflegeheimen würden auch vermehrt sogenannte Klingelmatten zum Einsatz kommen. Diese werden bei dementen oder sturzgefährdeten Menschen vor das Bett gelegt. Wenn sie auf­stehen, wird das Personal benachrichtigt. «Heime, die ganze Raumüberwachungssysteme installiert haben, sind mir keine bekannt», sagt Zaugg.

Wenn der Roboter zur gestürzten Person fährt: Michael Lehmann, Professor für Medizininformatik, erklärt im Video die High-Tech-Wohnung der Brönnimanns.

Pflegeroboter als Lösung?

Bereits einen Schritt weiter ist man in Japan. Dort werden Pflegeroboter staatlich gefördert. Sie kommen für immer anspruchsvollere Aufgaben in Spitälern und Altersheimen zum Einsatz. Sie bewegen oder lagern Patienten um, leisten ihnen Gesellschaft oder machen Spiele mit alten Menschen.

Ein solches Szenario könnte sich Peter Keller auch im Kanton Bern vorstellen. Der Geschäftsführer des Verbands Berner Pflege- und Betreuungszentren sagte kürzlich im Interview mit dieser Zeitung, dass diese Entwicklung schneller gehen werde, als man heute noch denke.

Zwar werde es wohl nie ein voll automatisiertes Heim geben. «Doch Roboter werden unterstützend wirken, und es könnte dadurch künftig weniger Personal nötig sein», so Keller.

Das allerdings relativiert Professor Michael Lehmann etwas. «Ich zweifle daran, dass die Schweizer Kultur offen genug gegenüber humanoiden Robotern ist. Bei uns wird es eher ein konkreter Geräteeinsatz sein.»

Er denkt dabei etwa an Unterstützung bei täglichen Bedürfnissen wie Waschen, Toilette oder Ernährung. «Wobei aber der menschliche Kontakt im Zen­trum bleiben wird», so Lehmann.

Zudem glaubt er, dass die Entwicklung hierzulande in eine ­weitere Richtung geht. «Dank des technologischen Fortschritts werden wir Pflegefachpersonen gezielter einsetzen können», sagt Lehmann.

Eine mit Sensoren versehene Matratze könnte etwa einen Alarm auslösen, wenn sich eine Person zu lange nicht bewegt. Dann kann der Pfleger die Situation überprüfen – ohne unzählige Leerläufe.

Eine mit Sensoren versehene Matratze könnte einen Alarm auslösen, wenn sich eine Person zu lange nicht bewegt.

Das Living Lab in Biel

Briefkasten als Mahnmal

Zudem arbeitet Lehmann daran, gesundheitliche Probleme zu erkennen, bevor sie überhaupt auftreten. Bei Brönnimanns in der Alterswohnung etwa wird nächstens ein Projekt beginnen, bei dem anhand des Schrittmusters die Person erkannt werden soll. «Wenn sich dann Frau Brönnimann an einem gewissen Tag anders bewegt als normal, kann bereits eingegriffen werden, bevor es zu einem Sturz kommt.»

In Bezug auf die Zunahme an Dementen schwebt ihm zudem vor, dass etwa Alarm geschlagen werden könnte, wenn Herr Brönnimann im Winter nur in Unterwäsche bekleidet das Haus verlassen will.

Bis die Produkte aus dem ­«Living Lab» aber auf den Markt kommen, dauert es noch eine Weile. «Wir bauen hier lediglich Prototypen. Manche werden wohl nie produziert, bei anderen haben Firmen bereits Interesse bekundet», so Lehmann.

Es gelte aber noch einige Hürden zu überwinden. Die Datensicherheit muss gewährleistet sein, die Netzwerke gegen Angriffe geschützt, die Fehlalarme ausgemerzt und die Kosten für die Umrüstung einer Wohnung weniger hoch sein als heute.

Als Mahnmal für diese An­forderungen hängt im Labor in Biel ein alter analoger gelber Postbriefkasten an der Wand. «Jeder weiss, wie ein Briefkasten funktioniert, man benötigt keine Anleitung. Wenn wir mit neuen Lösungen kommen, dann müssen diese mindestens so gut und intuitiv wie ein Briefkasten sein.» Und wann wird das der Fall sein? Lehmann: «In fünf bis zehn Jahren wird die Situation bereits ­anders aussehen.»

«Wenn wir mit neuen Lösungen kommen, dann müssen diese mindestens so gut und intuitiv wie ein Briefkasten sein.»
- Professor Michael Lehmann

Text: Marius Aschwanden
Fotos: Raphael Moser
Video und Umsetzung: Christian Häderli

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