Ausgespielt

20 Jahre lang zockt Ismail in Casinos. Verspielt über eine halbe Million Franken. Seine Frau verlässt ihn, viele Freunde wenden sich von ihm ab. Bis eines Tages nichts mehr geht.

Die Geschichte eines Spielsüchtigen.

Ismail zieht an seiner Zigarette. Bläst den Rauch in die kalte Novemberluft. Langsam und ohne Hektik, denn er hat es nicht eilig. Nicht mehr.

Seit seinem stationären Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik Anfang 2016 kämpft er sich schrittweise ins Arbeitsleben zurück. In seinen Job als Pharmatechnologe. «Bald kann ich mein Pensum hoffentlich wieder erhöhen», sagt er. Auf 80 Prozent. Dann vielleicht irgendwann auf 100 Prozent, wie früher.

Früher. Darüber spricht Ismail nicht gerne. Sagt, dass er sich an vieles nicht mehr so richtig erinnern könne. Hält den Schmerz auf Distanz. Und doch will er seine Geschichte erzählen. «Weil ich so vielleicht jemanden von einem Fehler abhalten kann.» Von einem grossen Fehler. Von einem riesigen Fehler. Von einer Kette von Fehlern, die er selber begangen hat. Die ihn ruiniert haben.

Es beginnt ausgerechnet mit einem Gewinn. Ende 1997. Ismail, 25-jährig und frisch verheiratet, geht mit seinem Cousin nach Baden ins Casino. Das erste Mal überhaupt in seinem Leben. Ein bisschen aus Neugierde. Ein bisschen aber auch, weil er knapp bei Kasse ist. Weil er kurz zuvor eine teure Hochzeit mit über 1000 Gästen zu stemmen hatte. Das schnelle Geld, das sich mit ein paar Knopfdrücken verdienen lässt, er könnte es gut gebrauchen. Also setzt er sich an eine der blinkenden Maschinen. Und gewinnt. 1500 Franken.

Für Ismail ist es viel Geld. Und er malt sich aus, im Casino noch mehr davon zu machen. Also geht er bald wieder hin. Diesmal nicht mehr mit dem Cousin, sondern alleine. Zuerst nur nach Baden. Dann auch nach Rheinfelden, das quasi um die Ecke liegt.


«Ich spielte auch über die Mittagspause.» Ismail über seine Casinobesuche.


Die Glückssträhne seiner Casino-Premiere reisst schnell. Die Maschinen blinken und funkeln zwar noch immer, aber sie spucken nichts mehr aus. Und wenn doch, dann nur Kleingeld. Doch die paar Münzen, die ins Ausgabefach tröpfeln wie ein lästiges Rückgeld am Billettautomaten, sie sind für ihn ein Hohn.

«Ich habe mich nur noch über die grossen Beträge gefreut», sagt Ismail. 2000, 3000, 4000 Franken. Beträge, bei denen der Automat grün aufleuchtet, eine fröhliche Melodie spielt und eine Hostesse vorbeikommt, um die gewonnenen Banknoten feierlich zu übergeben.

Wenn das vorkommt, dann lässt sich Ismail nicht gross was anmerken. Keine Freudenschreie. Keine geballten Fäuste. Keine Handschläge mit den Spielnachbarn, die so tun, als freuten sie sich mit ihm. «Ich war immer ein ruhiger Spieler», sagt er.

Innerlich aber jubelt er. Sein Herz rast. Und er sagt sich, dass es schade wäre, jetzt schon nach Hause zu gehen. Jetzt, wo es langsam läuft. Deshalb investiert er den Gewinn in eine nächste Partie. Spielt weiter. Erhöht seine Einsätze. Zuerst langsam und bedacht. Dann waghalsiger, hastiger. Irgendwann all in. Bis er wieder auf Null, sein Guthaben wieder leer ist. Und er sich am Bankomat beim Casino-Eingang neues Geld beschaffen muss.

Ismail wechselt die Automaten. Hofft, dass es eine andere Maschine besser meint mit ihm. Wird abergläubisch. «Nach der Durststrecke muss es jetzt einfach für mich laufen», redet er sich ein. Doch die Automaten blitzen stumm weiter. Also wechselt er irgendwann auch die Spiele. Versucht sein Glück mal beim Blackjack, mal am Roulette-Tisch, dann wieder an den Automaten.


Menschen in der Schweiz spielen exzessiv Glücksspiele

Ismails Abende im Casino sind lang. Meistens bleibt er bis ganz am Schluss. Hält sich mit Energy Drinks und Zigaretten wach. «Aber nie mit Alkohol», sagt er, bestimmt, als wolle er sich keine weitere Sucht anhängen lassen. Er bleibt, bis drinnen die Millionen von Lichtern ausgehen und sich draussen mit der Morgendämmerung wieder die Realität ankündigt.

Dann macht er sich auf die schmerzhafte Rückfahrt. Ohne die fetten Gewinne, die er sich auf dem Hinweg noch herbeifantasiert hat. Sondern mit einem leeren Portemonnaie und einem leeren Kopf, den er nun pausenlos schüttelt und sich laut fragt, wie er bloss wieder so blöd sein konnte.


Wenn aus Spannung Frust wird: Ismail über seine Gefühlsschwankungen.


Seine Frau weiss von nichts. Wenn er nachts nach Hause kommt, in die Dreizimmerwohnung, schleicht er sich leise zu ihr ins Bett. Schläft seine Niederlage aus. Am Morgen, wenn sie ihn fragt, wo er gewesen sei, lügt er sie an. «Ich musste länger arbeiten.» – «Ich hatte eine ausserordentliche Teamsitzung.» – «Ich musste spontan für einen Freund eine Kurierlieferung übernehmen.» Irgendwas.

Damit seine Lügen nicht auffliegen, sichert er sich ab. Bittet seine Kollegen um ein Alibi, falls seine Frau sie anrufen sollte. «In den Jahren bin ich ein Meister der Ausreden geworden», sagt Ismail und lächelt die Tragik weg.

Die Limite seiner Kreditkarte ist bald ausgeschöpft. Vom ordentlichen Lohn, den er sich verdient, ist schon Anfang Monat nichts mehr übrig. Also bittet er Freunde um einen kleinen Zustupf. Sagt ihnen, er habe gerade einen Engpass, er werde ihnen das Geld Ende Monat wieder zurückgeben. Versprochen.

Die Freunde helfen ihm, dem fleissigen Einwanderer aus der Türkei, der sich immer alles hart erarbeitet hat. Der zuerst eine Detailhandelslehre gemacht hat und sich später auch noch zum Pharmatechnologen ausbilden liess. Der selber immer da war, wenn man ihn um einen Gefallen bat. Der anpackte, wenn ein Kollege die Wände neu streichen musste. Der übersetzte, wenn ein Landsmann einen Brief von den Behörden erhielt. Misstrauisch seien sie nicht gewesen, sagt Ismail. Vorerst.


Prozent der Spielsüchtigen sind Männer

Die Freunde geben ihm das Geld. 1000 Franken. 2000 Franken. 3000 Franken. Ismail wird ihnen den Betrag sicher bald wieder zurückzahlen. Doch Ismail geht mit dem Geld ins Casino. Um das Loch schnellstmöglich wieder zu stopfen, das seine Spielsucht mittlerweile in sein Konto gerissen hat.

Manchmal hat Ismail Glück und er gewinnt an einem Abend ein paar tausend Franken. Dann ist er erleichtert. Und fühlt sich bestätigt. Der Casinobesuch, er hat sich eben doch gelohnt. Mit dem gewonnenen Geld bezahlt er am nächsten Tag die dringendsten Rechnungen. «Um die Betreibungen zu verhindern.» Oder er vertröstet seine Geldgeber mit einer ersten Rückzahlungsrate. Doch die Gewinne sind seltener als die Verluste. Also muss er dem Geld weiter «nocheseckle», wie er sagt. Muss wieder ins Casino. Muss noch mehr Risiko eingehen.

Wann das Lügengebilde zusammengebrochen ist, daran könne er sich nicht mehr wirklich erinnern, sagt Ismail. «Irgendwann konnte ich das Ganze einfach nicht mehr verheimlichen.» Seine Gläubiger  – Verwandte, Freunde, Bekannte  – kommen ihm auf die Schliche. Sie werden ungeduldig. Wollen endlich ihr Geld zurück. Machen Ismail Druck: «Entweder du gibst mir jetzt das Geld zurück oder ich erzähle deiner Frau, dass du ein Zocker bist», sagen sie.

Ismail bekommt Panik. Geht wieder ins Casino. Hofft, dass ihm die Automaten, die er über Monate mit seinem Geld gefüttert hat, nun endlich etwas zurückgeben. Einmal den verdammten Jackpot knacken und alle Probleme wären gelöst.

Aber die Probleme nehmen zu. Sie nehmen überhand. Sie kontrollieren ihn. Alles Geld in seinen Fingern zerrinnt. Jedes Guthaben verwandelt sich in eine Schuld. Eines Abends klingeln die Gläubiger an seiner Tür. Seine Frau stellt ihn zur Rede. Staucht ihn zusammen. Die beiden Töchter, noch zu klein, um zu verstehen, hören erschrocken zu. Ismail, der zockende Familienvater und Ehemann, er muss alles gestehen.

Ismail lässt sich sperren. Belegt sich selber mit einem Eintrittssverbot. In allen Casinos der Schweiz. Konzentriert sich wieder auf die Arbeit, wo man von seiner Spielsucht noch nichts weiss. Beginnt den Scherbenhaufen aufzuräumen. Zahlt seine Schulden, über hunderttausend Franken, Schein für Schein ab.

Ismail hat wieder Zeit für die Familie. An den Wochenenden zockt er nicht mehr, sondern spielt mit seinen Kindern, abends schaut er mit seiner Frau DVDs. Das neue Leben tut ihm gut. Er ist glücklich. «Jeden Tag, an dem ich nicht spielte, machte ich Plus.»

Knapp zwei Jahre geht das gut. Dann sagt er sich: Jetzt hab ichs im Griff. Wieder einmal eine Runde zocken, das sollte drin liegen. Nur ein, zwei Partien, dann ist wieder fertig. Sicher.

Das Spiel geht von vorne los, das Roulette-Rad dreht und zieht Ismail wieder hinein in den Teufelskreis. Er macht wieder Schulden. Geht wieder regelmässig ins Casino. Über die Grenze. Nach Deutschland. Nach Frankreich. Teilweise bis zu 10 Stunden pro Tag verbringt er dort, isst sogar in den Spielbanken.


«Kein Weg war mir zu lang.» Zum Zocken fährt Ismail sogar ins Ausland.


2010 hat seine Frau genug. Trennt sich von ihm. Das sei nicht schön gewesen, sagt Ismail, und denkt kurz nach. «Aber eigentlich hat es mich auch nicht gross getroffen.»

Nein, irgendwie ist er auch erleichtert. Jemand weniger, dem er Rechenschaft schuldet. Jemand weniger, für den er sich anstrengende Ausreden ausdenken muss. Jemand weniger, vor dem er die Zahlungserinnerungen verstecken muss, die immer häufiger ins Haus flattern.

Ismail zieht zu seiner Mutter. Ein bisschen enttäuscht von ihm sei sie schon gewesen, sagt Ismail. «Aber Sohn ist halt Sohn.» Von ihr muss er sich keine Standpauken anhören. Für sie ist er nicht der Verlierer, den das Casino inzwischen aus ihm gemacht hat. Für sie bleibt er der erfolgreiche Ismail, der es zu etwas gebracht hat und nun eine schwierige Trennung zu verdauen hat.

Ismail verfällt in Selbstmitleid. Dann in Gleichgültigkeit. Rechnungen, die per Post eintreffen, öffnet er gar nicht erst, schmeisst sie direkt ins Altpapier. Scheissegal sei ihm das irgendwann gewesen.


Zahltag ist Spieltag: Wenn der neue Lohn da ist, gehts ab ins Casino.


Personen haben in der Schweiz eine Casinosperre

Ismail zählt die Tage. Sehnt den 25. des Monats herbei, den Tag, an dem der neue Lohn auf dem Konto ist. Nimmt ihn sich bereits weit im Voraus frei, wie einen runden Geburtstag oder eine Hochzeit, wo nichts dazwischenkommen darf. Als würde der Tag einen Höhepunkt bedeuten, oder mehr noch: eine Erlösung, eine neue Chance, ja, vielleicht einen Neuanfang.

Wenn es bis zum Zahltag noch zu lange dauert oder Ismail sein Salär bereits kurz nach Erhalt wieder verspielt hat, muss er wieder den mühsamen Umweg über Verwandte gehen. Schwindelt sie an, er erhalte demnächst den 13. Monatslohn und bald auch noch einen Bonus. In Wahrheit werden die Zahlungen inzwischen verpfändet, wegen der Betreibung, die er von der Bank am Hals hat. Denn die Raten kann er schon lange nicht mehr zurückzahlen. Die Verwandten wissen, dass Ismail ein Spieler ist. Aber sie geben ihm das Geld. «Ich musste meistens nicht einmal gross Bitti-Bätti machen», sagt er.

Die Verzweiflung macht Ismail erfinderisch. Mit dem Geld, das ihm der eine gibt, zahlt er beim anderen, der schon länger darauf wartet, die Schulden ab. Nimmt bei einem dritten einen neuen Kredit auf. Geht damit schliesslich ins Casino. Und hat ein paar Knopfdrücke später das Geld wieder verlocht.


Millionen Eintritte verzeichnen alle Schweizer Casinos zusammen pro Jahr

Ismail zieht an seiner Zigarette. Bläst den Rauch aus. Er sei damals wie in einem Tornado gewesen, sagt er. In einem Rausch, wo er rund um sich nichts mehr gesehen hat. «Erst wenn der Tornado vorüber ist, merkt man, was alles kaputt gegangen ist.» Es sind solche Sätze, die Ismail immer wieder sagt, als hätte er sie auswendig gelernt, weil sie ihm dabei helfen, diese Geschichte irgendwie in seinem Leben unterzubringen.

Bei Ismail hat der Tornado fast 20 Jahre gedauert. Das letzte Mal gewütet hat er im Dezember 2015. So erbarmungslos, dass es Ismail nach einem Casino-Besuch und weiteren ausgeliehenen 16 000 Franken, die er innert kürzester Zeit verspielt, selber wegbläst.

Nichts geht mehr. Ismail ist am Boden. Kann sich zu nichts mehr aufraffen. Er versucht sich zur Arbeit zu zwingen, aber auf halben Weg kehrt er wieder um. Die Schulden. Der Druck. Sein Versagen. «Ich habe es einfach nicht mehr ausgehalten.»


«Ich hatte einfach keine Kraft mehr.» Ismail über seinen Zusammenbruch.

Ismail lässt sich einliefern. In die psychiatrische Klinik in Basel. Acht Wochen lang stationärer Aufenthalt. Unter Alkoholikern. Unter Junkies. Unter anderen Spielern. Komisch sei das am Anfang gewesen, sagt er. Diese schrägen Typen um ihn herum, diese Psychos, und nun ist er einer von ihnen. Süchtig.

Die Therapie tut ihm gut, die Gespräche, die Tagesstruktur, der Sport. «Das erste Mal nach Jahren hatte ich einfach Zeit für mich.» Er überlegt nicht mehr jede Minute, wie er sein Geld wieder zurückgewinnen könnte, sondern findet sich damit ab, dass es verloren ist.

Seit knapp einem Jahr ist Ismail nun «spielfrei», wie er es selber nennt. Regelmässig geht er in die Therapie bei seiner Psychologin. Die Suchthilfe seines Wohnkantons stellt ihm einen Finanzberater zur Verfügung, der heute alle seine Geldangelegenheiten regelt, sein Bankkonto verwaltet und mit Ismails Gläubigern verhandelt, die noch immer auf ihr Geld warten.

Bei seinem Arbeitgeber hat er nach dem Zusammenbruch reinen Tisch gemacht. Er musste, denn auch am Arbeitsplatz gab es inzwischen Kollegen, denen er Geld schuldete, und in den Gängen wurde bereits gesprochen. Das sei seine grösste Angst gewesen, sagt Ismail, dass er durch seine Sucht auch noch seinen Job verlieren könnte. «Mein einziges Standbein, meine einzige Stütze.»


Ist mehrere Seiten lang: Ismails Betreibungsregisterauszug.


Rund 550 000 Franken Schulden sind es, die sich in den Jahren angehäuft haben. 360 000 Franken muss er heute noch abzahlen. Bei acht Privatgläubigern, bei der Bank, beim Steueramt und beim Sozialamt, das zuletzt die Alimente für seine Familie übernehmen musste. Wie viel Geld er insgesamt in den Casinos verspielt hat, könne er nicht beziffern. Vielleicht 600 000, vielleicht 700 000. «Sicher über eine halbe Million», sagt er.


Millionen Franken erwirtschafteten die Schweizer Casinos 2015

Die hohen Geldsummen hören sich unwirklich an, verglichen mit dem Betrag, den Ismail heute zum Leben hat. 800 Franken pro Monat stehen ihm zur Verfügung. Auf den Rest des Lohns aus seinem Job, den er trotz allem hat behalten können, hat er keinen Zugriff mehr. Bis vor Kurzem liefen mehrere Betreibungsverfahren gegen ihn. Nun hat er Privatkonkurs angemeldet. Sein Auto musste er längst abgeben und ist auf ÖV umgestiegen. Ferien hat er die letzten zehn Jahre einmal gemacht. Heute lebt Ismail, 44-jährig, bei seiner Schwester.

Klar reue es ihn, das verlorene Geld. «Ich überlege mir gar nicht erst, was ich alles damit hätte anfangen können.» Aber es sei nun mal so. Dem Casino einen Vorwurf zu machen, eine Mitverantwortung zu geben für seine Sucht, für seinen Ruin, das käme Ismail nicht in den Sinn. Obwohl er weiss, dass die Spielbanken gesetzlich verpflichtet sind, Gäste mit Suchtanzeichen zu melden.

In all den Jahren, in denen er teilweise fast täglich spielte, habe ihn nie jemand vom Personal angesprochen. Nur einmal, nach einer Glückssträhne, da sei die Hostesse zu ihm gekommen, habe ihm die 8000 Franken Gewinn überreicht und ihm gesagt: «Herzliche Gratulation. Aber gehen Sie jetzt lieber nach Hause damit.» Ismail blieb.


«Das macht weh.» Ismail über sein verlorenes Ansehen.

Viele Freunde und Verwandte haben sich von Ismail abgewandt. «Das verstehe ich», sagt er. Er habe sie schwer enttäuscht. Und doch hätte er sich gewünscht, bei allem, was er ihnen angetan hat, dass sie manchmal mehr Verständnis gezeigt hätten. Dass sie in ihm nicht einfach den unverbesserlichen Zocker gesehen hätten, sondern einen Suchtkranken, der Hilfe braucht. «Aber das hat bis heute nie jemand so richtig verstanden», glaubt er. Auch seine eigene Familie nicht.

Von seiner Frau lebt er immer noch getrennt. Aber er sagt: «Das Verhältnis ist wieder gut.» Er hofft, dass sie vielleicht irgendwann wieder zusammenkommen. Auch seine Kinder sieht er regelmässig. Er ist sich sicher: «Sie sind immer noch stolz auf Papi.»

Ismail zieht an der Zigarette. Es ist die einzige Sucht, die ihm geblieben ist  – nebst den Waldspaziergängen mit seinem Hund Yorki. Zwei, manchmal drei Stunden gehe er mit ihm laufen, mit dem kleinen Yorkshire Terrier, der ihm in der schwierigen Zeit enorm geholfen habe und immer für ihn da sei.

Wenn Ismail von Yorki erzählt, klingt es ein bisschen, als würde er von einem engen Vertrauten sprechen. Von einem treuen und dankbaren Freund, der zuhört, aber keine Fragen stellt, sondern höchstens mal bellt.


Millionen Franken des Casino-Ertrags flossen 2015 in die AHV und an die Kantone

Ob er es diesmal schaffen wird? Ismail zuckt mit den Schultern. Er macht sich nichts vor. «Ein Restrisiko besteht immer.» Aber wenn er heute mal noch Lust auf das Spielen verspüre, wenn in seinem Kopf kurz wieder der Jackpot aufleuchtet, dann sei das irgendwie anders als früher. «Ich erinnere mich dann einfach zurück an den Zusammenbruch.» Richtig mies sei es ihm da gegangen. Der Gedanke daran sei abschreckend genug.

Ismail weiss, dass er sich nichts mehr erlauben kann. «Ich bin nicht mehr der Jüngste und bin mir bewusst, dass mich ein Rückfall das nächste Mal wohl den Job kosten würde.» Dann hätte er seinen letzten Kredit verspielt.

Text, Konzept, Video: Christoph Albrecht
Bilder: Dominik Plüss/Urs Baumann/Tanja Buchser
Grafik: Daniel Barben

Datenquelle: ESBK / Schweizer Casinoverband / Sucht Schweiz / www.sos-spielsucht.ch


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