Einkaufstrends machen Dörfer öder und Städte hip

Die Familie Buchs kauft gerne im Dorfladen in Rubigen ein.

Auch im Oberfeld in Ostermundigen gibt es Gewohnheiten in Sachen Einkauf.

Rubigens Dorfzentrum verarmt, und Ostermundigen blüht auf. Das ist eine provokante Verkürzung. Abwegig allerdings ist sie nicht, wenn man Marta Kwiatkowski, der Trendforscherin beim Gottlieb-Duttweiler-Institut, gut zuhört. Schuld daran sind die Vorlieben und Verhaltensweisen der Bewohnerinnen und Bewohner. Sie sind laut Kwiatkowski sehr mobil und «hybrid» unterwegs – oder mit anderen Worten etwas schizophren.

Nun gut. Lukas Rohrer, Yvonne Haslebacher und Meret, die in der Siedlung Oberfeld in Ostermundigen leben, sähen das wohl etwas anders. Sie kaufen in der nahen Migros ein, manchmal im Coop oder im Bioladen Waschmittel, Windeln und Sirup. Dann und wann gehen sie auf den Markt.

So kaufen die beiden Familien ein:


Ihre Gewohnheiten hat auch die zweite Familie, welche diese Zeitung im Rahmen der Wohnserie begleitet. Sandra Buchs tätigt, wenn sie arbeitet, Einkäufe in irgendeinem Supermarkt, der am Weg liegt.

Da man in Rubigen aber bis heute fast alles im Dorf besorgen kann, geht sie für Erledigungen auch gern in die Dorfkäserei, die Metzg, in die Bäckerei oder den Denner nebenan – und sonntags oder abends ist für Sandra Buchs, ihren Mann Hannes und die Kinder Timo, Livia und Janina auch einmal der Tankstellenshop an der Autobahnausfahrt praktisch. Frischgemüse und Fleisch bezieht die Familie gern vom Bauernhof. «Aber eigentlich habe ich keinen wirklichen Plan», sagt Sandra Buchs.

Bedürfnis und Erlebnis

Das passt gar nicht so schlecht zur Analyse Kwiatkowskis. Sie sagt: «Was sich heute schon abzeichnet, spitzt sich künftig zu.» Der Grosseinkauf werde durch Einkaufen «on the go» ersetzt: «Wir versorgen uns unterwegs, zum Beispiel auf dem Arbeitsweg.» Die Mengen werden kleiner; im Korb landet das, was Lust und Laune entspricht.

Läden, die sich dort befinden, wo sich die Leute bewegen, haben also Zukunft. Sichtbar machen das herausgeputzte Bahnhöfe und boomende Tankstellenshops.

Dafür sieht Kwiatkowski in den klassischen Supermärkten wie den Denner-Satelliten ein aussterbendes Konzept. Das ahnen auch die deutschen Discounter Lidl und Aldi. «Plötzlich versuchen sie es mit temporären Popup-Stores an gefragten Lagen in der Innenstadt», beobachtet die Trendforscherin. Ebenso wenig Kredit gibt sie dem Shopping­center: «Wenn er schon shoppen geht, dann sucht der Konsument das authentischere Erlebnis.» Das Lädele mit Freund oder Freundin in den Städten wird also überleben.

Dummerweise nicht unbedingt in der nächstgelegenen Stadt: «In Zeiten von Easyjet fliegt man übers Wochenende auch einmal schnell nach London», meint die Forscherin. Während beim täglichen Einkauf Preis und Zeit zählen, ist dies dort, wo es um Erlebnis und Abwechslung geht, sekundär. Hybrides Verhalten eben – oder schizophren, wie mans nimmt.


Marta Kwiatkowski, Trendforscherin beim Gottlieb-Duttweiler-Institut. Bild: zvg/gdi.ch

Generation Online

Als weiteren grossen Trend, der sich allerdings schon etabliert hat, identifiziert Kwiatkowski das Onlineshopping. Beim Einkauf von Esswaren sind heutige Kundinnen und Kunden zwar noch zurückhaltend. Doch das kann sich ändern: «Die Internetgeneration hat noch nicht Familie», merkt Kwiatkowski an. Und wer Erlebnis und Bequemlichkeit kombinieren will, lässt sich die Ware heimliefern. Läden würden darum künftig vermehrt zu Showrooms mit Heimlieferservice. Der Kampf um die letzte Meile sei längst in vollem Gange.

Die Detailhändler interessieren sich brennend für solche Trends. Sowohl Coop wie die Migros betonen darum auf Anfrage ihre Kundennähe. Die Migros Aare schreibt, dass man dazu die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden genauestens kennen und ihnen genau zuhören wolle. Angesichts des raschen Wandels müsse man auch den Mut haben, «sich ausserhalb des Gewohnten und Erprobten zu bewegen».

Die Einkaufstasche der Familie Buchs:


Wichtiger wird dabei die Präsenz in den wachsenden urbanen Quartieren. Die Migros Aare sei – gerade auch in neu entstehenden Quartieren – auf der Suche nach interessanten Standorten. Coop verweist auf ihr konkurrenzlos dichtes Verkaufstellennetz. Manchmal, wie etwa im Berner Quartier Ausserholligen, betreibt man sogar zwei gleichartige Filialen innerhalb weniger Hundert Meter, nur um bei einer erwarteten Entwicklung gut positioniert zu sein.

Die Einkaufstasche der Familie Rohrer und Haslebacher in Ostermundigen:


Denn Stadtquartiere werden wieder zu Orten, wo man nicht nur schläft, sondern auch arbeitet und hingeht. Davon profitieren längst nicht nur die Grossen im Geschäft. Die ehemaligen Tante-Emma-Läden, nach langem Darben sind nur noch wenige da, mutieren mit neuen Betreibern und Konzepten zu Hipster-Treffpunkten. Ostermundigen könnte laut Kwiatkowski von einer solchen Aufwertungsdynamik ergriffen werden. Entscheidend sei dabei auch die Fussgängerfreundlichkeit.

Für Rubigen hingegen bleibe die Trendwende wohl aus. Ein Revival der Ortskerne von Gemeinden mit einem hohen Anteil an Pendlern, auch Schlafgemeinden genannt, ist demnach nicht in Sicht. Schlimmer noch: Trotz des Bevölkerungswachstums bluten sie weiter aus.

Kürbis-Update

So sieht der geerntete Kürbis in Ostermundigen aus:


So sieht der Rubiger Kürbis nach der Ernte aus:


Seit Anfang Mai wachsen in beiden Gärten Kürbisse heran. Wer den Wettbewerb gewinnt und den grössten Kürbis ernten kann, wird von uns zu Halloween mit einer Kürbissuppe bekocht. Geerntet sind die Kürbisse bereits, gewägt werden sie noch. Die Auflösung des Wettbewerbs erfolgt demnächst.

Impressum
Fotos: Raphael Moser/Claudia Salzmann
Film: cla/mbu
Text: Christoph Aebischer
Schnitt/Umsetzung: Claudia Salzmann

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