Die Siedlung lebt

Wie im Oberfeld in Ostermundigen die Umgebung gestaltet ist

Keine Autos, dafür Velos, Sandkästen und bald eine Sauna: Im Oberfeld wagt man mehr als bei herkömmlichen Siedlungen.

Mehrmals im Jahr kümmern sich die Bewohner um die Umgebung.

Helmut Walz, Sie gestalteten die Grünanlage der Siedlung Oberfeld. Es gibt Plätze, Sandgruben einen Teich, Pflanzbeete, bald eine Kleintieranlage – ein wunder­bares Tummelfeld für einen Gärtner.
Helmut Walz: Schon, ja. Als ich aber angefragt wurde, erhielt ich eine lange Liste mit den Wünschen der zukünftigen Mieter. In wenigen Wochen sollte daraus ­etwas entstehen, was den recht­lichen Anforderungen für die Baueingabe genügte. Dort geht es primär um technische Aspekte und behördliche Auflagen. Heute prägt die Versickerung des Regenwassers massgeblich das Erscheinungsbild von Siedlungen. Die Kunst ist dann, diese Anforderungen mit anderen Bedürfnissen in Einklang zu bringen.

Die 250 Bewohner haben pro Person etwa halb so viel Umschwung wie Einfamilienhausbewohner. Was bedeutet das?
Entscheidend ist nicht die Bruttofläche, sondern wie sie genutzt werden kann und welche Lebensqualität der Grünraum bietet. Er soll multifunktional sein und allen Altersgruppen dienen. Ökologisch angelegte Gärten sind nebst Inseln für die Natur auch Erholungsinseln und bieten etwas für Augen und Ohren, es blüht, Vögel pfeifen.


Der Landschaftsarchitekt Helmut Walz hat den Aussenraum der Siedlung Oberfeld gestaltet.

Warum ist der Umschwung um Wohnblocks dennoch oft monoton? Ein Kiesplatz, eine Wäscheleine, ein Rasen und eine Schaukel, damit hat sichs.
In erster Linie liegt das an den Besitzverhältnissen. Heute sind das oft Investoren, die ihre Häuser durch Profis, Stichwort Facility-Management, verwalten lassen. Diese tun das zwar nach bestem Wissen und Gewissen, aber mit dem kleinsten Aufwand: Der Gärtner erhält einen überblickbaren, kontrollierbaren Auftrag.

Der Garten der Siedlung Oberfeld ist vielseitig. Klicken Sie auf die roten Punkte:

Beugen Eigentümer mit monotoner Einrichtung nicht auch Konflikten vor?
Bestimmt spielen solche Überlegungen eine Rolle. Wer Kindern das Fussballspielen auf dem Rasen untersagt, hat das Lärmproblem gelöst. Allerdings sind solche anonymen Wohnsituationen anfällig für ätzende Auseinandersetzungen. Die Leute schreiben dann E-Mails, in denen sie einander rechtliche Schritte androhen.

Ach ja?
In Gärten, in denen man sich kennt, gibts zwar auch «Gstürm», man spricht sich aber eher direkt an. So lässt sich leichter eine einvernehmliche Lösung anbahnen.

Geschieht das von allein?
Oft schon. Sollen gemeinsam gepflegte Gärten, wie jener im Oberfeld, aber auf die Länge funktionieren, ist eine koordinierende Trägerschaft nötig.

Warum?
Bei den Vorstellungen, wie Gärten aussehen sollen, kollidieren Weltbilder. Der eine will im Garten die totale unkontrollierte Vielfalt, der andere die vollkommene Ordnung und Sicherheit. Prallen diese beiden Welten aufeinander, kommt es nicht besonders gut. Achtzig Prozent der Leute sind aber bereit, einander zuzuhören.

Und dann kommt es gut?
Sofern es eben einen Ort gibt, wo man sich einigen kann. Denn Wohnen findet in einem formaljuristischen Umfeld statt, erhält die Verwaltung ständig Rückmeldungen von einzelnen Anwohnern, die Mühe haben mit dem Durcheinander oder mit spielenden Kindern, muss sie sich rechtfertigen. Jene, die sich gestört fühlen, verhindern so schnell jegliche Entwicklung. Darum ist es wichtig, dass sich die Anwohner organisieren, die zu Kompromissen bereit sind. So wird sichtbar, was eine Mehrheit der Mieterschaft möchte, zum Beispiel den Garten als Lebensraum nutzen.

Lässt sich so etwas verordnen?
Nein. Mit einer Gestaltung und einer Benutzerordnung ist es nicht getan. Das endet schnell im Symbolischen. Aber die Verwaltung kann natürlich den Prozess anstossen.

Wie das?
Bewohner wollen nicht Sitzungen. Sie wollen Hand anlegen.

Also einen Sandkasten planen und dann gleich bauen?
Idealerweise bereiten drei, vier Personen zusammen mit einer Fachperson das Aussenraum­projekt vor. Der Aktionstag muss hauen, weil die Leute ein Erfolgserlebnis wollen. Es bildet sozusagen den Startschuss für das gemeinsame Projekt.

Wie packen Sie das konkret an?
Im Oberfeld fuhr ich mit zwei Lieferwagen voller Werkzeug, Material und Pflanzen vor. Die Arbeiten, die ein Profi mit Maschinen ausführen muss, wurden vorher erledigt. Nun steht die Handarbeit an. Jeder Anwesende bis zum kleinen Kind muss etwas zum Grübeln haben, und am Abend muss es anders aussehen als am Morgen.

Wenns danach nicht so wie beabsichtigt aussieht?
Das hält der Garten aus. Hie und da muss ich etwas umpflanzen oder eine Arbeit zu Ende führen. Das gehört dazu.

Was geschieht danach? Soll man den Garten gehen lassen oder pflegen?
Ich stellte mir zusammen mit der Projektgruppe, die für den Aussenraum zuständig ist, die Frage, wie wir den Bewohnern die Idee hinter der Grünanlage vermitteln könnten. Die einen wollen alles stehen lassen, die anderen sehen überall Unkraut, das man jäten sollte. Wir haben jetzt sechs Zonen mit unterschied­licher Unkrauttoleranz definiert. Im Blumentopf ist offensichtlich die Winde, welche die Margerite überwuchert, unerwünscht. Auf der anderen Seite der Skala gibt es vergessene Ecken, die durchaus verwildern dürfen. Solche Stellen im Garten geben dem Raum Tiefe. Ist alles gepflegt, wirkt der Garten enger.

Anfangs mögen Aktionstage ja Spass machen, aber finden sich später noch genug Freiwillige?
Die Pionierphase ist tatsächlich am motivierendsten. Sollte die Motivation später nachlassen, kann der Gärtner einspringen.

Traditionell endet in Mietwohnungen der private Raum an der Wohnungstüre, wie sieht das in solchen Gärten aus?
Das ist ein entscheidender Punkt: Der Aussenraum bildet den Übergang zwischen privatem und öffentlichem Raum. Vor den Türen der Häuser beginnt ein halböffentlicher Raum – je näher zum Gebäude, desto privater. Dies wird interessanterweise auch ohne Zäune respektiert.

Wer sich an den Tisch vor dem Eingang setzen will, fragt zuerst?
Genau. So läuft es auch bei einer Geburtstagsparty, für die man Tische und Platz benötigt. Je reichhaltiger die Nischen im Garten sind, desto unproblematischer ist das. Solche Anlässe sind ja auch nicht besonders häufig und ab­gesehen vom Quartierfest meist klein. Und dieses wiederum spielt eine ganz wichtige Rolle für den Zusammenhalt.

Hand aufs Herz: Sollen alle so wohnen?
Natürlich nicht. Wohnen zum Beispiel ausschliesslich Singles in einem Haus, gehen andere Interessen vor. Sie fühlen sich eventuell in einer pflegeleichten, gestylten Umgebung wohler. Das ist auch in Ordnung so. Ziehen aber junge Eltern zu, oder wird eine familienfreundliche Siedlung neu gebaut, ist der Vorteil eines gemeinschaftlichen Gartens mit seinen Freiräumen augenfällig.

Was treibt Sie an, sich für solche einzusetzen?
Ich möchte verdichtete und ökologische Siedlungen mit hoher Lebensqualität fördern und dem Trend zu immer mehr privatem Wohnraum etwas entgegensetzen. Es freut mich, dass Paare mit Kindern nicht mehr aufs Land ziehen müssen, sondern wieder vermehrt in den Städten bleiben können. Auch dort braucht es einen gesellschaftlichen Mix. Das sorgt für soziale Stabilität.

Dichter bauen lautet das Credo, dem die Stimmbürger im nationalen Raumplanungsgesetz zugestimmt haben. Was bedeutet das für den Aussenraum?
Standardlösungen gibt es nicht. Je nachdem ist eine asphaltierte Wohnstrasse mit Pflanzenkübeln die richtige Antwort. Dort können Kinder inlineskaten und Velo fahren, es können Quartierfeste stattfinden. Entscheidend ist, dass der Aussenraum vielseitig nutzbar ist. Und für Kinder braucht es ungestaltete Ecken. Am wohlsten fühlen sie sich nicht auf perfekten Spielplätzen, sondern dort, wo die Ordnung der Erwachsenen nicht hinreicht. Kinder wollen selber entdecken.


Yvonne Haslebacher mit der Tochter Meret, die heuer zum ersten Mal den Garten auf eigenen Beinchen erkunden kann.

Was erwarten Sie von Liegenschaftsbesitzern, damit unsere Quartiere lebenswert bleiben?
Ich hoffe, dass jene, die Familienwohnungen bauen, den Mut für die geschilderten Prozesse haben. Dass sie also die Anwohner frühzeitig einbeziehen und nicht zurückschrecken, wenn diese Anliegen formulieren. Ich bin überzeugt, dass es sich für die Eigentümer auszahlt, wenn sie sich darauf einlassen. Der Gärtner wird dann zum Fachberater und interveniert nur noch nach Bedarf.

Was erwarten Sie von den Bewohnern?
Sie sollen nicht leichtfertig Forderungen stellen. Solche Aussenräume brauchen Engagement.

Und was kann die Politik bei­tragen?
Sie sollte untersuchen lassen, was solche Aussenräume bewirken: Wie zufrieden sind die Anwohner? Wie beeinflusst das die Fluktuation? Was geschieht mit der Biodiversität? Lassen sich soziale und ökologische Ziele allenfalls Hand in Hand erreichen? Zudem nähme mich wunder, wie sich solche Modelle längerfristig auf die Gesamtkosten auswirken.

Ihre These?
Die Investitionen dämpfen an ­anderer Stelle den Aufwand, beispielsweise weil die Mieter weniger häufig wechseln. Aber auch beim Hauswart entfallen gewisse Arbeiten.

Impressum
Bilder: Walter Pfäffli
Ton/Text: Christoph Aebischer
Schnitt/Umsetzung: Claudia Salzmann

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