Am Fest schmilzt die Distanz

Im Sommer finden auch in der Region unzählige Quartierfeste statt. In Rubigen am Brüggliweg bereits seit 1981.

Im Oberfeld in Ostermundigen gibt es das Siedlungsfest seit drei Jahren.

Das Karussell ist der Magnet für Kinder am Quartierfest der Genossenschaftssiedlung Oberfeld in Ostermundigen. Auch für Meret, die kleine Tochter von Lukas Rohrer und Yvonne Haslebacher. Das Quartier ist jung, «etwas kinderlastig» sei das jetzt zum dritten Mal stattfindende Fest darum schon. «Es war eigentlich immer klar, dass es ein solches jährliches Fest geben wird», erzählt Lukas Rohrer.

So feiert Ostermundigen:

Am Brüggliweg in Rubigen stehen die Häuser schon viel länger. Sandra Buchs wuchs dort auf und erinnert sich: «Das erste Fest fand am 15. August 1981 statt. Angeregt hat es eine Familie, die drei weitere darauf ansprach.» Diese seien sofort «Feuer und Flamme» gewesen. Weil das Buffet längst nicht leer gewesen sei am Abend, habe man das Fest gleich auf den nächsten Tag verlängert. Das ist auch heute noch so. «Für mich als Kind waren diese Fest stets ein Highlight. Wir spielten bis zum Gehtnichtmehr!» Heute sind neben ihren Eltern auch ihr Mann Hannes und die drei Kinder mit von der Partie.

So feiert Rubigen:

Franzose mit einer Mission

Zu seiner politischen und seit ein paar Monaten hauptberuflichen Mission erhoben hat solche Nachbarschaftsfeste Atanase Périfan, ein Pariser Lokalpolitiker: «Als ich mit 33 Jahren die Geschichte von einer Frau hörte, die vier Monate von niemandem bemerkt tot in ihrer Wohnung lag, schockierte mich das», erzählt er. Er lancierte die Idee der «Fête des voisins». Die Feste unter diesem Logo breiten sich mittlerweile über die ganze Welt aus.

Stolz präsentiert er die Bilanz der 18. Ausgabe, welche im Mai 2017 stattfand: 1250 Städte in 36 Ländern auf fünf Kontinenten hätten teilgenommen. Insgesamt 30 Millionen Menschen habe man so erreicht. Am grössten sei das Echo neben Frankreich in Belgien und in der Schweiz.

Das Fest als «Vorwand»

Périfan, ein Parteigänger des ehemaligen französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy, will damit nicht bloss etwas Freude in die Strassen bringen. Dem Politiker, der im Pariser Parlament sitzt, geht es um mehr: «Mit dem Individualismus ging auch eine Isolation des Einzelnen einher», sagt er. Die zunehmend ältere Bevölkerung und der Zerfall der Familie würden diese Entwicklung zusätzlich verschärfen. Der Staat könne aber hier nicht in die Bresche springen. Er ist überzeugt, dass die Nachbarschaft das Potenzial hat, hier für mehr Halt zu sorgen: «90 Prozent der Franzosen sind bereit, regelmässig Nachbarn auszuhelfen», zitiert Périfan eine Befragung aus dem Jahr 2015.


Atanase Périfan

Das sei nicht nur in Frankreich so. Das Bedürfnis, andern zu begegnen, existiere überall. Längst nicht nur in der Anonymität der Grossstadt fehle den Menschen aber der Mut dazu. Die «Fête des voisins» – dieses Jahr hat auch die Stadt Bern erstmals daran teilgenommen– schaffe die Grundlage für eine lebendigere Nachbarschaft. Es könne als «Vorwand» für Begegnungen dienen.

Périfan weiss, wovon er spricht. Er selber ist als Kind mit seinen Eltern aus Rumänien nach Frankreich geflohen. «Wir mussten hier zuerst Fuss fassen.» Er selber sei nur glücklich, wenn er sich auch nützlich fühle. Für den 53-jährigen, vierfachen Familienvater liegt es auf der Hand, dass es anderen wie ihm ergeht.

Ein Konzept mit Potenzial



Das kleine Nachbarschaftsfest ist aber noch in einem weiteren Sinn ein Vorwand: Seine Organisation «Voisins solidaires» – solidarische Nachbarn – hat bereits viele Ideen entwickelt, wie man den Geist des Festes übers ganze Jahr fruchtbar machen kann. Mit bunten Flyern und vielen Ratschlägen regt die Organisation weitere Events oder simple Handreichungen an, etwa für ältere Menschen die Einkäufe zu erledigen. Périfan will ohne Bürokratie möglichst viel in Bewegung bringen. Die heutigen Staaten würden so – besonders dann, wenn ­ältere Menschen länger daheim leben könnten – «Hunderte von Millionen» an Betreuungskosten sparen.

Sein Konzept der «Solidarität der Nähe» will er weder links noch rechts im politischen Spektrum angesiedelt wissen, sondern als Bedürfnis von jedermann. Es baut zwar ebenfalls auf staatliche Institutionen, dazu weiterhin auf Familien und zunehmend eben auf die Nachbarschaft. Die Scheu, ein solches Fest anzureissen, kennt Périfan. Zu Beginn müsse ja nichts Grosses auf die Beine gestellt werden. «Ein Nachbar, der mitmacht, ein Tisch, ein paar Erdnüsse und Orangensaft.» Schon sei der Raum für Gespräche und Begegnungen da.

Im Kleinen gehts um dasselbe

Périfans haben die beiden Familien in Rubigen und Ostermundigen nicht. Aber in einer selbstverständlichen Weise entfaltet auch hier das Quartierfest eine gute Stimmung, die das Zusammenleben auch übers Jahr belebt. In Rubigen trifft man sich auf dem Platz vor Buchs’ Haus hie und da zu einem Bier nach einem Samstagnachmittag beim Grübeln im eigenen Garten. Sandra Buchs drückt das so aus: «Wir sind eine grosse Brüggliwäg- Familie.»

Und in Ostermundigen wird das Gemeinschaftliche sowieso betont. Da eine Genossenschaft nur funktioniert, wenn sich die Mitglieder engagieren, übernimmt diese im Gegenzug die Defizitgarantie für das Quartierfest. Zum Glück! Lukas Rohrer räumt ein: «Wir machen das Fest jeweils schon ziemlich aufwendig.»

Impressum
Fotos Ostermundigen: Enrique Muñoz García
Fotos Rubigen: Claudia Salzmann
Text: Christoph Aebischer
Videos/Schnitt: Claudia Salzmann
Umsetzung: Claudia Salzmann

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