Alptraum in der Waschküche

Einer der Hotspots, wo man die Nachbarn trifft, ist die Waschküche.

Bei Yvonne Haslebacher ist die Waschküche als Treffpunkt gedacht.

Anders bei Sandra Buchs, die im Einfamilienhaus eine eigene Waschküche hat.

Albtraum in der Waschküche

Die Qualität der Nachbarschaft lässt sich in der Schweizer Waschküche ablesen. In den einen ist alles schriftlich geregelt, in den anderen gelten ungeschriebene Gesetze. Bekanntschaft damit machte der verstorbene Schweizer Schriftsteller Hugo Loetscher. In seinem Fall wurde der Schlüssel zur Waschküche jeden Tag von Partei zu Partei weitergereicht. Er musste mitmachen, obwohl er gar nichts zu waschen hatte. Als er den Schlüssel grosszügigerweise gleichentags an die nächste Partei weiterreichen wollte, erlebte er sein blaues Wunder.

Ruedi Spöndlin, Rechtsberater beim Schweizerischen Mieterverband, kann davon ein Lied singen. «Ich weiss von zwei Männern, die in der Waschküche mit dem Schraubenzieher aufeinander losgingen, als sie ihren keifenden Freundinnen zu Hilfe eilten», erzählt er. Das Beste daran: Die beiden ­Männer wohnten nicht einmal in diesem Haus. Und kürzlich ohrfeigten sich zwei Frauen gemäss «20 Minuten» beim Waschen.

So weit kommt es in der Schweiz glücklicherweise selten. 123 Anrufe von insgesamt 5463 im vergangenen Jahr drehten sich bei der Telefonhotline, die Spöndlin betreut, um Nachbarschaftskonflikte. Hotspots dafür sind neben der Waschküche der Balkon oder aneinandergrenzende Wohnungen. Topursachen für Zwist sind etwa das Rauchen auf dem Balkon – «ein Dauerbrenner» – oder Lärm zur Unzeit.

«Die Lebensstile klaffen heute weiter auseinander», beobachtet Spöndlin. Während die einen Kinder haben, arbeiten die anderen nachts. Zugleich werde öfters daheim gearbeitet. Wenn dies ein Musiker, ein Bürolist und ein Student gleichzeitig tun, kommt das nicht immer gut. Haustiere geben auch immer wieder Anlass zu Diskussionen.

Risiko allein lebend

Telefone zu Nachbarschaftskonflikten sind zwar relativ selten, bedeuten für Spöndlin aber viel Aufwand. «Mit einfachen Ratschlägen ist es da nicht getan», sagt er.

Oft würden Personen anrufen, die sich selber schlecht wehren könnten, eher Frauen seien es, allerdings längst nicht immer die ältere Person, die man sich gerne vorstelle. «Die hartnäckigsten Fälle sind häufig allein lebende Personen, die sich richtiggehend in etwas hineinsteigern», erzählt er. Immer wieder sei da die Geschichte zu hören, die Nachbarn würden mitten in der Nacht ihre Wohnung ummöblieren.



Da ist guter Rat zuweilen teuer, Spöndlin hört dann zuerst einmal zu. Er versucht, die Ratsuchenden zum direkten Gespräch zu ermuntern. Wenn das nichts fruchtet, empfiehlt er, den Vermieter als Vermittler beizuziehen. Der Gang zur Schlichtungsstelle sei ebenfalls möglich, und am Ende bleibe das Gericht. Das hält Spöndlin aber meist für eine schlechte Idee. Zum Beispiel fallen dort Kosten an, die jemand berappen muss. Manchmal bleibt am Ende nur noch der Auszug aus der Wohnung.

Das führt garantiert zu Streit

Spöndlin kennt auch ein paar Verhaltensweisen, die garantiert zu Eskalation und Streit führen. Zum Beispiel bei Lärm mit Gegenlärm reagieren, etwa mit dem legendären Besenstiel an die Decke zu klopfen, frei nach dem Motto «Wie du mir, so ich dir». Immer gut kommt auch an, wer sofort zur Gegenattacke ausholt und nach dem Vorwurf, die Waschküche schmutzig hinterlassen zu haben, der anderen Partei Steuerschulden oder ein falsch parkiertes Auto vorhält. In dieselbe Kategorie gehört die beliebte Kommunikation per Zettel. Was darauf steht, entspannt die Situation meist keineswegs – im Gegenteil!



Besser ist laut Spöndlin das direkte Gespräch mit Ich-Botschaften: Ich kann nicht schlafen, etwa. Dem anderen falle Entgegenkommen leichter, wenn er das Gesicht wahren könne.
Doch der Nachbarschaftskonflikt beginne meist schon in der Art und Weise des Zusammenlebens. «Wer tolerant ist und seine Wahrnehmung nicht für absolut hält, hat sicher weniger Streit», sagt Spöndlin. Und wer im Treppenhaus hie und da einen kurzen Schwatz mit Nachbarn hält, wer also gut auskommt, erträgt ebenfalls mehr.

Ambivalenz von Regeln

Was hält Spöndlin von verbind­lichen Abmachungen? Regeln könnten das Zusammenleben durchaus erleichtern, solange sie nicht zu pingelig seien. Etliches, was standardmässig in Hausordnungen stehe, sei rechtlich gar nicht haltbar, etwa das Verbot, nach 22 Uhr zu duschen.
Spöndlin selber lebt in einem Mehrfamilienhaus aus dem späten 19. Jahrhundert in der Stadt Basel, wo die Geräusche der Nachbarn unweigerlich auch in der eigenen Wohnung zu hören sind. Heute gängige «Trittschallnormen» lassen sich da nun mal nicht einhalten. «Wir leben dennoch gut zusammen», sagt er.

Allerdings ist niemand gefeit vor Streitigkeiten mit Nachbarn. Als Risikofaktoren ortet der Fachmann den Umzug aus einem neuen in ein altes, ringhöriges Haus, eine persönliche Krise, sei es die Scheidung oder der unfreiwillige Umzug in eine schlechtere Wohnung.

Albtraum beginnt harmlos

Der Waschküchenalbtraum Hugo Loetschers, den er in seinem Büchlein «der Waschküchenschlüssel» festhielt, begann sogar gänzlich harmlos: Weil er seinen Waschtag einer Nachbarin mit Kindern überliess, die dann den Raum dreckig hinterliess, überwarf er sich mit der Nachbarin, die anschliessend waschen wollte.

Als er der jungen Mutter davon erzählte, stand der Ehemann der anderen Frau auf dem Teppich und nahm ihn ins Gebet. Rede er weiter schlecht von seiner Frau, werde er alle notwendigen Schritte unternehmen. Kurz darauf entspann sich im Treppenhaus ein Getuschel, Loetscher unterhalte mit der jungen Mutter ein Techtelmechtel. Da beschloss Loetscher, von nun an den Schlüssel an Waschtagen in seiner Wohnung einzuschliessen, ausser Haus zu gehen und die Wäsche im Waschsalon extern reinigen zu lassen.

Wie sieht das in Rubigen und Ostermundigen aus?

Wenn Yvonne Haslebacher in der Siedlung Oberfeld in Ostermundigen wäscht, ist sie selten allein. In den hellen Räumen, welche die Architekten extra nicht in den Keller verbannten, sind zwanzig Waschmaschinen und zwölf Tumbler aufgetürmt, in einigen Waschküchen sind sogar Tauschbörsen für Filme eingerichtet. Die Waschküchen sollen Begegnungsstätten sein. Im Allgemeinen komme man gut aneinander vorbei beim Waschen, erzählt Yvonne Haslebacher im Video:



Intensiv genutzt ist auch die Maschine in der Waschküche in Rubigen. Sandra Buchs’ Familie hat sie aber für sich allein. Der Waschmaschinenindex – also die Anzahl Bewohner pro Maschine – beträgt hier 5. In der ­Genossenschaftssiedlung liegt er bei 12,5. Immer häufiger sind heute auch Wohnungen in Mehrfamilienhäusern mit individuellen Geräten ausgerüstet. Ein Schelm, wer vermutet, es könnte etwas mit dem Vermeiden von Konflikten zu tun haben.

Bilder: Urs Baumann, Beat Mathys, Walter Pfäffli, ZVG
Konzept: cab/cla
Text: Christoph Aebischer
Umsetzung: Claudia Salzmann
Video/Schnitt: Claudia Salzmann
Zeitraffer-Bilder: Timo Buchs

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